Berlin : Terrorismus: Die Stunde der Trittbrettfahrer

Bernd Matthies

War es der Clou im Kalkül der bin-Laden-Terroristen, dass sich der Westen ohne weiteres Zutun unter einer Lawine der Idiotie begräbt? "Jeder Depp, der eine Wette gewinnen will", sagt ein leidgeprüfter Polizeibeamter, "legt irgendwo einen Briefumschlag mit weißem Pulver hin und ruft einseinsnull an". Umgehend erscheinen die Sicherheitskräfte am Tatort, legen den Verkehr in der Umgebung lahm, und die Presse kann angesichts der Ereignisse nicht anders, als den Scherzbolden den gewünschten Resonanzboden zu liefern: Die Wette ist gewonnen. Und wenn das Wort "Hysterie" erst oft genug in hoher Auflage verbreitet worden ist, dann werden die Bürger kaum anders können, als sich zu überlegen, ob Hysterie nicht eventuell das genau angemessene Verhalten sei.

So kommt es, dass jegliche Schusseligkeit - der vergessene Rucksack am Neptunbrunnen, der stehengelassene Koffer auf der Straße in Marzahn - zum Anlass einer polizeilichen Großaktion wird. Noch vor drei Tagen hätte ein Pappkarton mit der Aufschrift "Anthrax" einen Fußtritt bekommen, heute wirkt er wie ein Todesbote. Aber welche Alternative zum Großeinsatz gibt es? Ein sinnvoller Aufruf der Polizei müsste ungefähr so lauten: Lassen Sie bitte ihren verdammten Krempel nicht überall liegen.

Journalisten sind auch nur Menschen, und meist nicht einmal die besser informierten. Am Mittwoch beruft das Robert-Koch-Institut eine Pressekonferenz ein, um Auskunft über den mysteriösen Umschlag vom Parkdeck zu geben. Eine Pressekonferenz? sagen wir und ergänzen gleich den nahe liegenden Grund: Weil nur so die Flut der aufgeregten Anfragen beantwortet werden kann. Aber weiß man es? Haben die Experten am Ende ganz Anderes zu berichten? In einigen Tagen werden sich die Behörden angewöhnen, Einladungen zum Thema mit einem Hinweis zu versehen, dass die vorgesehenen Auskünfte nur beruhigender Art seien. Und wehe, einer vergisst den Satz.

Es ist relativ leicht, sich in die Situation unserer Verantwortungsträger zu versetzen. Sie könnten natürlich sagen, es gebe keinen Grund zur Sorge, aber das wäre eine leicht erkennbare Lüge. Also sagen sie, was alle bis hinauf zum Bundeskanzler sagen: Es gebe keinerlei konkrete Hinweise für geplante terroristische Aktionen, was soviel heißt wie 1. wahrscheinlich passiert nichts, und 2. aber wir wissen es nicht genau. Sehr vertrauensbildend wirkt das nicht. Daraus ließe sich die Idee ableiten, dass man auf solche Sätze einfach verzichtet. Doch dann hieße es: Die da oben wissen was, sagen uns aber nichts. Ein unlösbares Problem.

Hinterher will sich aber niemand einen Fehler vorwerfen lassen. Deshalb tun alle, was ihnen so einfällt und was vernünftig ist. In Berliner Krankenhäusern werden die Beschäftigten zum vorsorglichen Blutspenden aufgerufen, in eventuell gefährdeten Großbetrieben gibt es statt der Kantinenpause eine Räumungsübung. Ein bisschen wie im Krieg, sagen viele. Ob die Bosse da oben einen Tipp bekommen haben?

Aber welches Maß an Information ist das richtige? Am Mittwoch stoppt der Busfahrer irgendwo am Landwehrkanal, eine aufgeregte Stimme dringt aus dem Funkgerät. Dann fährt der Bus weiter, nimmt irgendeine rätselhafte, in keinem Fahrplan verzeichnete Route am Tiergartenrand entlang, die Touristen sind ratlos. Genaueres ist nicht zu erfahren. Andererseits: Wenn nun jemand dem Fahrer wahrheitsgemäß mitgeteilt hätte, es sei an der eigentlich vorgesehenen Fahrtroute ein verdächtiger Behälter gefunden worden - wie hätten die Fahrgäste dann reagiert? Dass es sich um ernährungstechnisch wertvolles Sojaöl handelte, war zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht bekannt.

Das Gegenstück der Angst ist der Hass, gern hübsch verpackt unter der zivilisatorisch geglätteten Oberfläche. Abends, in einem Restaurant in der Innenstadt, verbreitet sich eine Frau ausführlich über die Gräuel, die man den Taliban zur Last legt. Ich bin ja eigentlich gegen die Todesstrafe, sagt sie, aber wenn ich diesen bin Laden in die Finger bekomme, dann erkenne ich mich selbst nicht mehr wieder ...

Irgendwie ist es beruhigend, dass die Politiker Dienst nach Vorschrift machen und sich gegenseitig besuchen wie geplant. Gerade ist Jurij Luschkow, der Moskauer Bürgermeister, in Tegel eingeflogen, um ein Wirtschaftsforum zu eröffnen. Hinterher heißt es, Luschkow und Wowereit hätten Fragen der Sicherheit und des Katastrophenschutzes in Großstädten diskutiert. Ja, klar. Kaum anzunehmen, dass dabei neue Erkenntnisse gewonnen wurden, aber die Meldung signalisiert: alles im Griff, oder?

Im alten Westen der Stadt gibt es 27 öffentliche Schutzräume mit 23 000 Plätzen, im Osten 7 für 2500 Menschen. Das wirkt wie ein ironischer Kommentar zum Kalten Krieg: So schlimm kann die Angst vor den imperialistischen Kriegstreibern nicht gewesen sein. In der aktuellen Situation hilft diese Erkenntnis freilich wenig. Angst ist Angst. Oder gibt es auch noch die unangemessene, speziell deutsche Angst? Manchmal hilft es, mit Angstprofis zu reden, die Bedrohung gewohnt sind. Andreas Nachama, Direktor der Topographie des Terrors und ehemaliger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, sagt, er fühle sich durch die Absperrung und verstärkte polizeiliche Bewachung jüdischer Einrichtungen weder sicherer noch unsicherer als zuvor. "Ich bin ja Schlimmeres gewohnt." Sein Lebensprinzip sei, "sich nicht über Dinge aufzuregen, die noch gar nicht passiert sind". Klar, dass Berlin ebenso ein Anschlagsziel sein könne wie New York. Und es war, erinnert er, Bad Reichenhall, wo ein Jugendlicher Passanten niedergeschossen hat, einfach so.

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