Berlin : Teufelskreis der Geschichte

Leonardo DiCaprio und Martin Scorsese präsentierten „Gangs of New York“

Andreas Conrad

Und der Nächste bitte: „Ja, eine Frage an Robert DeNiro.“ Alle stutzen, die ersten kichern, als erster prustet Martin Scorsese heraus. Sorry, aber DeNiro haben wir heute nicht im Angebot. Scorsese, wie gesagt, und mit Leonardo DiCaprio noch einen Leinwandkünstler mit italienischen Ahnen, und überhaupt liegt der Frager mit seinem Fehlgriff gar nicht so falsch. Hatte nicht DeNiro, schon oft in Filmen Scorseses dabei, ursprünglich auch bei „Gangs of New York“ mitgemacht? Und war nicht eben noch von ihm die Rede, als Scorsese seinem jungen Star bei einer Frage aus der Patsche half und dazu Robert, den alten Weggefährten, bemühte? Inwieweit „Gangs“ für DiCaprio einen bewussten Imagewechsel bedeute, vom romantischen Helden zum tough guy, begehrte einer in der gut halbstündigen Fragestunde im Hotel Four Seasons zu erfahren. Eine berechtigte Frage, aber DiCaprio lässt sich den Ball gerne von seinem Regisseur abnehmen, der ihn elegant zurückspielt. Nein, nach Image zu fragen, scheint ihm fehl am Platze. Robert De Niro habe ihn vor langen Jahren auf den jungen Nachwuchsschauspieler hingewiesen. Er sah ihn dann in „Gilbert Grape“, später natürlich in „Titanic“, war fasziniert von dessen Wandlungsfähigkeit. In einer Reihe mit De Niro oder Al Pacino sieht er ihn, da greift die Frage nach dem Image wirklich zu kurz.

Natürlich ist auch vom Starrummel die Rede, der DiCaprio bei „Titanic“ besonders heftig umbrodelte. Nicht mehr als Schauspieler, eher als ein Produkt habe er sich damals gefühlt. Und natürlich hat er sich schon immer gewünscht, mit Scorsese zu arbeiten, dessen Filme er begeistert verfolgte, seit er 16 war. Die Anfänge des Films freilich gehen in die Zeit zurück, als Little Leo gerade mal sprechen lernte. Mitte der 70er Jahre hatte Scorsese Herbert Asburys Buch „Gangs of New York“ in die Hände bekommen und Drehbuchautor Jay Cocks erste Entwürfe geschrieben. Es spielt um 1863 in dem New Yorker Slum „Five Points“, nahe dem heutigen Chinatown und den Federal Court Buildings, damals mehr ein Hexenkessel als ein Schmelztiegel, von Bandenkriegen, Korruption und einem erbitterten Krieg zwischen Alteingesessenen und irischen Einwanderern zerrissen.

Nur noch zwei dieser Ecken gibt es heute, erzählt Scorsese. Sein Filmarchitekt Dante Ferretti konnte noch alte Aufnahmen sehen, eine Sammlung von 850 000 Objekten, gelagert in einem Keller des World Trade Center. Nur 18, die ausgeliehen waren, haben den 11. September überdauert. Natürlich gehört dieser Tag für Scorsese und DiCaprio zum Hintergrund des Films, ohne dass der Terroranschlag direkt Niederschlag gefunden hätte. Der Starttermin wurde zwar verlegt, Weihnachten 2001 schien für solch einen blutigen Film nicht das Richtige, so stellte es Scorsese jedenfalls dar, aber man weiß ja um die heftigen Auseinandersetzungen, die zwischen ihm und Produzent Harvey Weinstein über Filmlänge und Schnitt getobt hatten. Die Schlussszene jedenfalls, die die Entwicklung New Yorks im Zeitraffer zeigt und beim Blick auf die intakte Skyline endet, stand vor dem 11. September fest. Thema des Films, so umschreibt es Scorsese, war das, was die Skyline geschaffen hat, nicht das, was die Skyline zerstört hat. Auch DiCaprio sieht keine direkten Zusammenhänge zwischen Film und 11. September, indirekt schon: „Geschichte wiederholt sich, das ist die Essenz.“

Ursprünglich sollten der Präsentation des Films, der am 20. Februar startet, auch DiCaprios Gegenspieler Daniel Day-Lewis und Cameron Diaz beiwohnen. Möglich, dass deren Absage damit zusammenhängt, das „Gangs of New York“ vor wenigen Tagen als Abschlussfilm der Berlinale benannt wurde. Gerade da sollte auch ein wenig Glamour abfallen. „Jemand Nennenswertes“ werde wohl kommen, wurde gestern viel versprechend angedeutet. DiCaprio nicht, der ist ja in knapp zwei Wochen schon wieder da, mit seinem neuen Film „Catch me if you can“ im Gepäck, Seite an Seite mit Steven Spielberg und Tom Hanks. Wer also wird es sein? Cameron? Daniel? Oder gar die Iren, mit deren Musik der Film ausklingt – Bono und U 2?

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