Berlin : Teure Ansprüche

Billig ist Wohnen in Berlin nur in schlechter Lage und unsanierten Häusern Wer Qualität sucht, muss mitunter nicht weniger zahlen als etwa in München

Nana Heymann

Billig, leicht zu haben und für jeden Geschmack etwas dabei – mit diesen Stichworten lässt sich der Berliner Wohnungsmarkt beschreiben. Angeblich. Aber von dem Mantra, das jährlich Tausende Neuankömmlinge in die Hauptstadt lockt, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Zwar liegt der durchschnittliche Quadratmeterpreis laut aktuellem Mietspiegel bei 4,49 Euro und ist somit im bundesdeutschen Vergleich relativ günstig – erwarten darf der Wohnungssuchende für diesen Preis aber nicht viel.

Und damit beginnt das Dilemma: Denn die Kunden werden immer anspruchsvoller, sagt Andreas Habat vom Immobilienverband Deutschland (IVD). Die Ansprüche an die Wohnqualität seien in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. „Wir verzeichnen eine besonders hohe Nachfrage im Bereich von Luxus-Altbauten.“ Am Markt sind vor allem Wohnungen ab einer Größe von vier Zimmern und 100 Quadratmetern gefragt. Die sind jedoch rar. Dagegen, so Habat, hätten Makler Probleme, kleinere Ein- und Zweizimmerwohnungen unter 60 Quadratmetern überhaupt loszuwerden. Auch Singles würden sich für größere Wohnungen interessieren, in der Hoffnung, dort bald mit einem Partner zusammenzuleben. Darüber hinaus sind unsanierte Wohnungen heute nicht mal mehr für Studenten von Interesse – selbst sie lassen sich den Wohnkomfort einiges kosten.

Hartmann Vetter, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, kommt daher zu einem nüchternen Fazit: Die weitverbreitete Annahme, dass die Mieten in Berlin besonders günstig sind, sei „ein Vorurteil, das der Realität nicht mehr entspricht“. Grund dafür sind vor allem die vielen günstigen Altmietverträge, die in die Berechnung des Mietspiegels einfließen. Irreführend sei auch der oft zitierte Leerstand von rund 100 000 Wohnungen. „Das sind meistens Objekte, die wegen schlechter Wohnqualität oder Lage nicht zu vermieten sind.“ Zum Beispiel Plattenbauten in Marzahn oder Reinickendorf.

Gut vermieten lassen sich hingegen Wohnungen in Charlottenburg. Beim Internetportal „Immobilienscout24“ liegt der Bezirk seit drei Jahren bei den Anfragen an erster Stelle, sagt Immobilienscout-Sprecher Ergin Iyilikci. Im September dieses Jahres sind für Charlottenburg 54 298 Gesuche eingegangen – angeboten wurden nur 2542 Wohnungen. Gefragt ist seit kurzem auch Friedrichshain, das Prenzlauer Berg von Platz zwei auf Platz drei der Rangliste verdrängt hat. Abgerutscht ist ebenfalls Kreuzberg: vom dritten auf den fünften Rang, und damit einen Platz hinter Mitte. Schlusslicht: Hohenschönhausen.

Groß ist die Spanne der Preise, zu denen Wohnungen bei „Immobilienscout24“ angeboten werden. Eine Einzimmerwohnung mit 34 Quadratmetern und Ofenheizung in Neukölln kostet kalt 95 Euro. 8500 Euro zuzüglich Nebenkosten muss man hingegen für eine Siebenzimmerwohnung mit 500 Quadratmetern in einem Townhouse am Gendarmenmarkt hinlegen. Umgerechnet auf den Quadratmeter sind das 17 Euro.

Andreas Habat vom IVD beeindrucken solche Preise nicht. „Wir haben hier im deutschen Vergleich alles in allem trotzdem sehr günstige Mieten.“ Allerdings rechnet er damit, dass diese innerhalb der nächsten fünf Jahre „flächendeckend um sieben bis zehn Prozent steigen“ werden. Zunehmen wird auch die Zahl der Wohnungseigentümer. „Das ist ein Boom, der nicht unerheblich ist.“

Dennoch wird Berlin auf absehbare Zeit eine „Mieterstadt“ bleiben. Das glaubt zumindest Mike Hinkel, Geschäftsführer der City Immobilien Consulting GmbH. „Das liegt vor allem daran, dass sich durch die Teilung kein Wohlstand und Vermögen in der Stadt bilden konnten, die wohlhabenden Familien sind fast alle weggezogen.“ Falls sie einmal zurückkehren sollten, müssen sie mit deutlich gestiegenen Preisen rechnen. Für sanierte Wohnungen sind elf Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter mittlerweile keine Seltenheit mehr, sagt Hartmann Vetter vom Mieterverein. Damit wären in Berlin fast schon Münchener Verhältnisse erreicht: Dort liegt der durchschnittliche Quadratmeterpreis bei 9,50 Euro.

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