Berlin : Teure Touristen

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies über alte

Erkenntnisse in Sachen Spandau

Spandau bei Berlin – das ist immer noch was Besonderes. Die Bewohner der kleinen Großstadt im Westen sind gern für sich, und sie sehen ihre Gäste, die überwiegend aus Berlin kommen, gern unter Kontrolle, hübsch eingefriedet in der Zitadelle, im geschlossenen Bereich des Ikea-Hauses oder berauscht von lähmendem Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Doch da war diese Ungewissheit: Könnte es sein, dass einzelne Skandinavier die Schmetterlinge auf dem Falkenhagener Feld studieren oder japanische Studenten im Gasthaus „Bürgerablage“ Karaoke zu Gehör bringen? Und wenn ja, wie müssten die örtlich Zuständigen darauf reagieren?

Ja, und deshalb hat Spandau knapp eine halbe Million Euro ausgegeben, um alle denkbaren Tourismusfragen zu untersuchen. Ergebnis: Die Besucher kommen aus Berlin, besuchen die Zitadelle, den Weihnachtsmarkt, Ikea… Immerhin: Jeder vierte Ikea-Kunde nimmt sich Zeit, auch die Altstadt zu besuchen. Das hat vorher niemand gewusst, und hinterher weiß vermutlich niemand, was diese Erkenntnis bringen soll. Wird das Rathaus fürderhin „Billy“ heißen, der Bahnhof „Bonde“ und der Bürgermeister „Birghölt“? Werden sie durch eine raffinierte Ampelschaltung noch mehr Ikea-Kunden in Richtung Westen leiten? Vor allem: Was passiert eigentlich, wenn die jüngste Verlagerung des Ikea-Kundenstroms nach Tempelhof Spandaus Touristenbilanz durcheinander bringt? Müsste dringend noch nacherforscht werden. Hoffen wir, dass die Tempelhofer den warmen Regen für ihren Bezirk einfach so hinnehmen. Und nicht später auch eine Studie in Auftrag geben, in der drinsteht, was alle über Tempelhof sowieso schon wissen.

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