Berlin : Texas-Steak oder Eisbein?

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Von Christian van Lessen

Isst er nun Entrecote à la Pariser Platz, Maischolle oder Putenrahmschnitzel, wählt er Pesto-Spaghetti mit gebratenem Lachs oder Flusskrebseintopf aus dem Kupferpfännchen, vielleicht sogar Theos Eisbein auf Champagnersauerkraut? Oder ist das zu schwere Kost am Abend? Richtet sich der Präsident der Vereinigten Staaten überhaupt nach der Karte oder äußert er einen Spezialwunsch, ein riesiges Texas-Steak etwa? Deff Haupt, der Geschäftsführer vom Theodor Tucher am Brandenburger Tor, weiß es nicht.

Vermutlich erst am Montag wird Haupt wissen, ob es dabei bleibt, dass Präsident George W. Bush und Bundeskanzler Gerhard Schröder am Mittwoch gegen 21 Uhr bei ihm speisen werden, wie es das Protokoll veröffentlicht hat. Schon beim Clinton-Besuch hatte man falsche Lokalfährten gelegt.

Die 20-köpfige Kommission von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes und deutschen und amerikanischen Sicherheitsbeamten inspizierte die Räume und nahm eine Speisekarte mit. Man schaue sich aber noch andere Lokale an, ließ man den Tucher-Wirt wissen. „Es wird spannend, ich habe keine hundertprozentige Bestätigung“, sagt Haupt am Sonnabend. Aber wenn Bush und Schröder wirklich kämen, „würde ich mich wahnsinnig freuen“.

Auf den Besuch deutet beispielsweise hin, dass nslisten der Angestellten erwünscht wurden. Das Restaurant ist 200 Schritte vom Adlon entfernt, in dem Bush übernachtet, der ganze Pariser Platz zwei Tage eine Hochsicherheitszone. Am Sonnabend kam das Kanzlerehepaar zum Frühstück ins Tucher, und auch das kann als Zeichen gelten. Wirt und Kanzler sprachen nicht über die nächsten Tage, Schröder zwinkerte nur mit den Augen. Fünf Jahre leitete Haupt in Sao Paulo ein Spitzenrestaurant, und mancher Staatsgast kam vorbei.

Aber spätestens am Dienstag muss er wissen, ob es klappt mit dem Besuch, und wie viel Gäste im Gefolge kommen, und wann das Lokal für normale Besucher gesperrt werden muss. Für Mittwochmittag haben Gäste, die von Bush nichts ahnen konnten, noch vor wenigen Tagen Tische reservieren lassen. Vielleicht muss man ihnen absagen.

Ob Tucher oder nicht, das lässt den Bratwurstmann in seiner Bude kalt. Er muss den Pariser Platz zum Bush-Besuch auf jeden Fall räumen, ebenso Leierkastenfrau Jutta Höfer, die dort abwechselnd mit ihrem Mann oder Enkelin Colleen die Kurbel dreht. Am Sonnabend kam der Kanzler auch am Leierkasten vorbei und ließ eine leichte Enttäuschung zurück. „Er hat nur gegrüßt“, sagt Jutta Höfer.

Die Schritte zwischen Tucher und Adlon werden Bush an einer eingezäunten tristen Baustelle vorbeiführen, mit Dixi-Klo, Steinhaufen und Sandbergen. Der Platz wird neu gepflastert und ist durch Zäune geteilt. Das Adlon selbst wird den Präsidenten, sollte er sich über den Platz wundern, wieder versöhnen. Das Hotel verbreitet schon jetzt eine geheimnisvolle Distanz, Touristen, die sonst mutig hineingehen, um sich im Foyer umzuschauen, trauen sich nicht. Aber kontrolliert wird nicht, nur genau und diskret beobachtet. Und wer es sich in den Sesseln gemütlich macht, wundert sich über die vielen Leute hinter der Rezeption, und die vielen amerikanischen Touristen in auffälliger Freizeitkleidung. Und etwas merkwürdig ist, dass es fast nur Männer sind.

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