Berlin : Textarbeiter an der Drahtharfe

Wolf Biermann erlebte in Berlin seine schwerste, aber künstlerisch produktivste Zeit

Thomas Loy

Nach der Wende wollte Wolf Biermann in seine alte Wohnung in der Chausseestraße 131 in Mitte zurückkehren, doch dort wohnte schon ein anderer: Hanno Harnisch, Feuilletonchef des Neuen Deutschlands und früher mal Pressesprecher der PDS. Biermann zog es vor, im historisch unverfänglicheren Hamburg zu bleiben.

Seine Wohnung, in der sich in den 70er Jahren die DDR-Oppositionellen um Robert Havemann trafen, sei ohnehin ein „stasi-versifftes Loch“. Alles, was dort gesprochen wurde, landete einige Tage später auf den Schreibtischen von Mielkes Überwachungsbehörde.

Biermann hat in Berlin künstlerisch seine produktivsten Jahre erlebt. Anfang der 60er Jahre schreibt er seine ersten Gedichte und Theaterstücke, orientiert am großen Vorbild Bertolt Brecht. Er gründet zusammen mit anderen das „Berliner Arbeiter- und Studententheater“, das schon vor der ersten Premiere geschlossen wird. Biermann wollte sein selbst geschriebenes Stück „Berliner Brautgang“ aufführen, eine Liebesgeschichte in der frisch mauergetrennten Stadt. Die Spielstätte des Biermann-Theaters an der Belfortstraße, Prenzlauer Berg, besteht noch heute, als Studiobühne der Schauspielschule Ernst Busch.

Biermann bekommt zum ersten Mal Auftrittsverbot. Seine Texte werden unter der Hand weitergereicht. 1965 erscheint eine Sammlung von Balladen und Liedtexten bei Wagenbach in West-Berlin. Damit hat sich Biermann endgültig des „Klassenverrats“ schuldig gemacht. In der Anthologie „Drahtharfe“ ist über einen „Drainage-Leger Fredi Rohsmeisl“ aus Buckow zu lesen, der wegen einer nichtigen Schlägerei zwölf Wochen in den Knast muss:

Und er findet noch kein Ende,

und er ist voll Bitterkeit,

und er glaubt nicht einen Faden

mehr an Gerechtigkeit.

Er ist für den Sozialismus

und für den neuen Staat.

Aber den Staat in Buckow,

den hat er gründlich satt.

Als Resonanzboden für sein Kulturschaffen dient Biermann nun der private Freundeskreis. In seiner Wohnung lädt er zu Liederabenden ein – die Mitschnitte werden anschließend in den Westen geschmuggelt und dort als Schallplatte veröffentlicht, eine davon trägt den Titel „Chausseestraße 131“. Biermann singt gegen die Wohlstandsträgheit im Westen und den spießigen Alltag im Osten. Erst 1976, elf Jahre später, darf der Liedermacher wieder vor Publikum auftreten. Im Herbst genehmigt das Kulturministerium sogar eine Tournee in den Westen. Doch das ist eigentlich schon die Abschiebung aus der DDR.

Im legendären Kölner Konzert am 13. November 1976 singt Biermann auch seine berühmteste Ballade, die vom „Preußischen Ikarus“.

„Und wenn du wegwillst, mußt du gehen. Ich hab schon viele abhaun sehn aus unserm halben Land. Ich halt mich fest hier; bis mich kalt dieser verhaßte Vogel krallt und zerrt mich übern Rand.“

Biermann beschreibt seine Gedanken beim Überqueren der Weidendammer Brücke über die Spree im Verlauf der Friedrichstraße. Am Geländer prangt ein Wappen mit dem preußischen Adler. Von da aus hatte man einen guten Blick auf die Grenzanlagen. Biermann ging diesen Weg oft. Am Berliner Ensemble war er eine Zeit lang Schauspielschüler.

Im Westen, also in der Emigration, tourt Biermann weiter als politischer Liedermacher durch die Lande – mit Fernwirkung auf die Verhältnisse in der DDR. Sein Ruhm indes verblasst langsam. Im Dezember 1989 tritt er erstmals wieder in Ost-Berlin auf.

Er mischt sich in den 90er Jahren in die Debatte um die Aufarbeitung der DDR ein, schreibt zeithistorische Essays und wird vielfach für sein Werk geehrt. Biermann betätigt sich auch als Übersetzer. Das Frühwerk von Bob Dylan hat er sich vorgenommen, und anschließend Sonetten von Shakespeare.

Biermann, 1936 in Hamburg geboren, war mit 16 Jahren aus Überzeugung in die DDR übergesiedelt. Sein Vater Dagobert – Werftarbeiter, Jude, Kommunist und Widerstandskämpfer – war von den Nazis in Auschwitz ermordet worden.

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