Mit dem Wetter steigt die Stimmung

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Thaifood-Markt in Berlin : Ein Wochenende auf der Anarcho-Wiese
Alexander Langer
Billiges Essen, Sonne, günstiger Suff - auch das ist Glück.
Billiges Essen, Sonne, günstiger Suff - auch das ist Glück.Foto: Mike Wolff

Samstagmittag. Die Frau lugt misstrauisch unter dem Sonnenschirm hervor und betrachtet den Himmel. Regen wurde angekündigt. Kommt da was?

Die Frau heißt Lan und erzählt, dass Regen natürlich schlecht ist, dann kommt ja fast keiner auf so eine freie Fläche. Regen ist fast so schlecht wie Sonne. Denn wenn die Sonne zu stark brennt, wird das Südostasien-Gefühl für den Unerfahrenen zu real. Zu intensiver Geruch, zu viel offenes Feuer und Rauch und Geschrei. Diese klebrige, stickige Atmosphäre lässt dann viele an der Qualität und Frische der Speisen zweifeln. Dann ist die frittierte Luft auf der Wiese wie ein Kissen, das einem ins Gesicht gedrückt wird. Wenn es richtig fies stickig ist, sehen die Besucher sogar die selbst gepressten und in Pfandflaschen abgefüllten Säfte kritisch an, die etikettenlos präsentiert werden und auf einmal viel Vertrauen erfordern.

Gut sind deshalb Wolken, so wie heute, 24 Grad. Von irgendwo schallt Lambada aus einem Lautsprecher. Regen ist angesagt, aber noch nicht zu sehen. Lan setzt sich den Mundschutz auf und fängt an zu braten, bis ihre Mutter kommt.

Lan erzählt die Geschichte ihrer Mutter, die Fischerstochter in einem kleinen Dorf in Thailand war. Lan hat sie vor ein paar Jahren nach Berlin geholt, als sie ein Kind mit ihrem deutschen Mann bekam. Seitdem sitzt ihre Mutter Wochenende für Wochenende am Stand und brät Fische. Wie damals in Thailand. Dieselbe Tätigkeit am anderen Ende der Welt. Die Mutter mag es, auch wenn es ihr an diesem Ende der Welt viel zu kalt ist.

Früher wurde noch gezockt

Am Nachmittag kippt irgendwie die Stimmung. Es ist schwül, die Schlange vor dem Toilettenhaus wird lang und länger. Das Fußballspiel der Jugendlichen wird ruppiger, das Lachen bei den Flaschensammlern dreckiger. Sogar die Studenten mit ihrem schwedischen Holzklotzspiel sind plötzlich laut. Regen wäre jetzt nicht verkehrt.

Und tatsächlich, da fällt er. Einige holen sich stoisch Caipis und lassen sich dabei nassregnen. Aber man hört das Lachen zurückkehren, die gute Laune, das Sommergefühl. Kein Stand wird geschlossen. Wer jetzt auf der Wiese bleibt, merkt man, meint es ernst

Patricia wischt den Regen von den Biergartenbänken und erinnert sich: „Also“, sagt sie und zeigt mit der einen Hand über den im Abenddunkel liegenden Park. „Von ganz dahinten sind sie gerannt.“ Mit der anderen Hand wischt sie weiter die Bänke des Biergartens am Rand der Wiese, den sie gerade für den Abend zusperren will. „Über die ganze Fläche hat die Polizei die verfolgt. Zu Fuß. Du hast keine Ahnung, wie lustig das aussah.“

Sie erinnert sich an die Zeit, als auf der Thaiwiese noch kein Essen verkauft, dafür aber gezockt wurde. „Das ging schon los, als ich ein Mädchen war. Vor 20 Jahren. Da kamen die Ersten auf die Wiese und haben Karten gespielt. Die Thailänder haben hier einfach gezockt. Um richtig viel Geld. Dann ist die Polizei gekommen und hat die hochgenommen. Jeden Tag. Konntest du die Uhr nach stellen.“ Die Stände mit Essen waren anfangs ein Vorwand, um dahinter privat gemütlich weiter Karten zu spielen. Nur einmal, sagt sie, haben sie es geschafft, einen Thailänder zu fangen. Der hat dann gelacht, als die Polizisten ihn gefangen haben. Laut. „Ich habe bis heute nicht verstanden“, sagt Patricia, „warum der gelacht hat.“

Bunte Schirme, buntes Publikum

Sonntagvormittag. Hendrik erwacht. Ein Auge auf, so halb. Mit seinem einen offenen Auge und der schützend gegen die Sonne gehaltenen Handfläche sieht er so aus, als wäre er Maler und wollte Maß nehmen. Dabei haben bloß die Ibus noch nicht gewirkt. Hendrik liegt schon seit heute Morgen auf der Thaiwiese, als er nach einer Nacht in Neukölln hier am Fehrbelliner Platz aus der U7 gefallen ist. „Das ist der perfekte Ort zum Auskatern“, sagt er. „Berlin weg von Berlin.“ Ab mittags kann man sich fit essen, „und um 16 Uhr fange ich mit den Caipis an. Dann bin ich um elf zu Hause und morgen früh fit fürs Büro. Bam.“ Auge wieder zu. Hendrik braucht noch Zeit.

Andere sind da aktiver: Klock, macht es. Klock. Jemand hat das Beachball-Spiel aus der Tasche geholt. Klock. Wie ein Tag am Strand im Winter in Thailand. Hendrik ist vom Geräusch ein bisschen genervt, aber was will man machen.

Entlang des Fußwegs aus dem Park sitzt eine Gruppe Araber, die Männer auf der linken Seite des Wegs bei der Shisha, Frauen und Kinder auf der rechten Seite. Man defiliert beim Verlassen und Betreten des Parks so an denen vorbei. „Entspannt“ finden sie die Stimmung im Park. Aber sie haben ihr eigenes Essen mitgebracht, bleiben lieber am Rand. Einer lacht und sagt: „Kannst dir ja vorstellen, wie lange das Amt es dulden würde, wenn einer von uns so einen Stand aufmachen würde.“

Um 14 Uhr kommen die Slackliner und spannen ihr Seil zwischen den Bäumen vor dem Kinderspielplatz, Kilian mustert sie mit Verachtung, in der Hand eine halb geschälte Karotte. Immerhin machen sie kein Salsa. Um Himmels willen kein Salsa. Kilian erzählt, dass vor ein paar Sommern mal so ein Berliner Tanzklub eine Tanzfläche aus Holz angeschleppt hatte, aber da waren dann alle dagegen – und die Salsa-Spinner haben sich wieder verzogen. Kilian sieht noch immer besorgt aus und dreht sich nach links und nach rechts, als könnte hinter jedem Gebüsch ein Typ mit Trompete am Mund lauern.

Oma macht die besten Cocktails

Dabei sind die Regeln doch so einfach. Gutes Essen und Cocktails. Kein Quatsch. Keine Kunstlederjacken, Sonnenbrillen oder Fidget Spinner, keine Tänzer. Sogar der Typ, der statt Speisen nur die Ostasien-Postille „Farang“ und Bücher aus der Reihe „Vom Sinn unseres Daseins“ auf seinem Tisch auslegt, wird immer beäugt, obwohl er stets neben seinem Stand die Thailandflagge hisst. Kilian sagt: „Es soll ja jeder hier Spaß haben und machen, was er will.“ Der Satz schreit nach einem Aber, das allerdings nicht kommt. Klar ist trotzdem: Sobald Deutsche irgendwo was mit Salsa machen, ist der Ort für immer verloren.

Es ist auf einmal unfassbar voll. Familien mit Kindern, Neukölln-hip-aussehende 20-Jährige. Man drückt sich so aneinander durch den Park, von Stand zu Stand. Kilian sagt, dass die alle wegen Facebook hier sind. Er erkennt es daran, dass sie Fotos von ihrem Essen machen. Das hätte es früher nicht gegeben.

Hendrik kommt einem entgegen. In seinem Dreitagebart ein Grashalm von der Wiese. Er zieht am Strohhalm seines Caipis. „Für die besten Cocktails musst du zu dieser einen Oma.“ Welche? Die Wiese ist randvoll mit Omas. „Die dahinten“, sagt er und zeigt wahllos drauflos, macht sich durch den Staub zurück zu seinem Platz, wo jetzt seine Freunde lümmeln und in der Gruppe auskatern.

Es wird spät, bei den Sitzgruppen auf den Decken werden bei den thailändischen Frauen die Spielkarten ausgepackt. Die Frauen legen leise lachend ihre Karten. Das Ganze wird beleuchtet, überall auf der Wiese glimmen die Sperrbildschirme der Handys auf den Decken. Dazu sehr leise Gespräche, während die Männer die Stände zusammenräumen. Ein Kind gießt eine Kühlbox aus an einen Baumstamm, auf dem Kopf ein schreiend gelb leuchtender Pikachu-Hut.

Am Abend wird gefegt

Und tatsächlich, sie haben alles leergekauft. Kurz vor Dunkelheit sitzt noch eine letzte Frau an der Pfanne, der Schirm ist schon verstaut, ihr Kind wartet im Hintergrund. Es trägt ein ärmelloses T-Shirt mit dem Aufdruck Singha Beer. Ja, sie haben alles leergekauft, sagt sie und zeigt auf die traurigen Reste in den Dosen und Eimern, wischt sich die Stirn. Ein Tag wie heute reicht fürs ganze Jahr. Danke, Facebook.

Wollt ihr essen?, fragt sie ein paar Jungs, die vor ihren Stand wanken. Klar. Sie fängt an, aus den Resten etwas in der Pfanne zuzubereiten, ohne Erklärung, was sie da tut, schmeckt es mit dem Probierlöffel ab. Scharf?, fragt sie, aber ihre Stimme geht im Brutzelgezisch unter. Außerdem sind die Jungs im Gespräch: wohin von hier aus? Sonntagabend, verlorener Moment in Wilmersdorf. Was soll man noch machen? Also erst mal scharf.

Um jeden Abfallkorb liegt ein zwei Meter dicker Müllgürtel. Teller, Dosen, Flaschen, Decken, Säcke, kaputtes Spielzeug.

In diesem stillen, späten Moment versteht man aber auch, warum vielleicht das Ordnungsamt hier beide Augen zudrückt. Denn in der Mitte der Wiese steht als letzter Mensch die Frau mit dem Rechen. Srrrr. Srrrr. Srrrr. Das Geräusch von Metall auf sommertrockenem Rasen geht über die ganze Wiese. Stoisch kehrt sie den Abfall zusammen, ihre kleine Gestalt wirft einen langen Schatten.

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