"The Berliners" : Menschen am Morgen - Ein Brite fotografiert Berliner

Fotograf Paul Sullivan streift mit seiner Kamera durch die Stadt, am liebsten ganz früh. Er begegnet Menschen, fotografiert sie - und zeichnet so ein ganz besonderes Berlin-Porträt. Außerdem wirbt er mit seinem Blog "Slow Travel Berlin" für bewussteres Stadt-Erkunden.

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Der Fotograf Paul Sullivan streift durch Berlin und fotografiert die Menschen dieser Stadt. Einen Auszug aus seiner Fotoreihe "The Berliners" sehen Sie hier in unserer Bildergalerie. Entspannen lässt es sich gut, in Berlin. Ob hier im rustikalen Ambiente im Neuköllner Schillerkiez...Weitere Bilder anzeigen
Foto: Paul Sullivan
14.05.2013 09:32Der Fotograf Paul Sullivan streift durch Berlin und fotografiert die Menschen dieser Stadt. Einen Auszug aus seiner Fotoreihe "The...

Wenn Paul Sullivan Berlin entdecken möchte, dann schwingt er sich einfach auf sein Fahrrad und fährt los. Wahllos, von seiner Wohnung in Prenzlauer Berg aus in irgendeine Richtung. Seine Kamera hat er immer dabei. „Ich ziehe meistens in den frühen Morgenstunden los, weil da das Licht am schönsten ist“, sagt der Brite, der seit fünf Jahren in Berlin lebt. Das ziellose Treibenlassen hat der 40-jährige Autor und Fotograf als beste Methode ausgemacht, die Stadt kennen und verstehen zu lernen.

Paul Sullivan, braune Haare, Dreitagebart, ruhiger Typ, merkte bald, dass man im Morgengrauen in Berlin nicht nur schöne Fotos machen kann. Man begegnet auch den interessantesten Menschen, sagt er, vor allem an Wochenenden. „Du triffst Partygänger aus den Klubs, Leute die den Müll leeren, Obdachlose“, sagt er. „Es ist eine ganz andere Demografie als sonst.“ Sullivan kam mit den Leuten ins Gespräch, fotografierte sie, es wurden immer mehr. „The Berliners“ nennt er die Fotoreihe, die er zunächst auf seiner Internetseite www.slowtravelberlin.com präsentiert, eine Ausstellung ist geplant.

Menschen in Berlin
Der Fotograf Paul Sullivan streift durch Berlin und fotografiert die Menschen dieser Stadt. Einen Auszug aus seiner Fotoreihe "The Berliners" sehen Sie hier in unserer Bildergalerie. Entspannen lässt es sich gut, in Berlin. Ob hier im rustikalen Ambiente im Neuköllner Schillerkiez...Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Paul Sullivan
14.05.2013 09:32Der Fotograf Paul Sullivan streift durch Berlin und fotografiert die Menschen dieser Stadt. Einen Auszug aus seiner Fotoreihe "The...

„In der Außendarstellung dieser Stadt dominiert das Bild des coolen, hippen, trendigen Berlins. Doch das ist nur die halbe Wahrheit“, sagt der einstige Reisebuch-Autor beim Treffen in einem unscheinbaren Café am Hackeschen Markt, in das sich trotz der Lage nur wenige Touristen verirren. Ein Ort ganz nach Sullivans Geschmack. Es gefällt ihm, die gängigen Berlin-Klischees mit seinen Bildern zu durchbrechen. „Die Menschen prägen die Stadt genauso wie die oft überhöhten Touristenattraktionen“, sagt er. „Aber sie werden nur selten visuell präsentiert.“ Für ihn sind das vor allem die ganz normalen Berliner, denen man nicht am Reichstag oder am Checkpoint Charlie begegnet – Sullivan trifft sie in Reinickendorf, Marzahn, Steglitz. Er zeigt gerne diejenigen Berliner, die auf der Straße ihr Geld verdienen, vom Ordnungsamt-Mitarbeiter bis zum Pfandflaschensammler.

Alltagsszenen aus Berlin.
Alltagsszenen aus Berlin.Paul Sullivan

„Im Mainstream-Tourismus geht es meistens darum, sich in eine künstliche Scheinwelt zu begeben, so etwas wie Boutique-Hotels oder Ferienclubs, wo man letztlich nur auf seine eigene Sorte Mensch trifft“, sagt Sullivan. Der Fotograf findet das wenig reizvoll. „Durch die Bezirke zu fahren und diese Leute kennenzulernen ist die beste Form der Stadtreise, weil man den Menschen auf ihrem eigenen Terrain begegnet“, sagt Sullivan. Er will Orte bewusster erleben – und das an andere weitergeben. Deshalb hat er 2010 den Blog „Slow Travel Berlin“ gestartet, auf dem Fotoreportagen zum Beispiel über Berliner U-Bahnhöfe oder Berichte über Parks, Schallplattenläden und Teehäuser zu finden sind. Dinge also, die gewissermaßen langsam sind. Sullivan nimmt in dem Titel Bezug auf die entschleunigte, qualitätsorientierte Lebensweise, die in der Welt der Gastronomie als Slow-Food-Bewegung bekannt wurde und die der kanadische Journalist Jean-Carl Honoré in seinem Bestseller „Slow Life“ (Engl.: „In Praise of Slow“) beschreibt. Sullivan versucht, diese Lebenseinstellung auf den Bereich Reisen und Stadterkundung zu übertragen.

Paul Sullivan zeigt in Seinen Bildern die Menschen dieser Stadt.
Paul Sullivan zeigt in Seinen Bildern die Menschen dieser Stadt.Paul Sullivan

Inzwischen arbeiten sechs Menschen an seinem Slow-Travel-Blog. Mit ihnen gemeinsam schreibt Sullivan gerade ein Buch über ihre 100 Lieblingsorte in Berlin. Er bietet Kiez-Führungen und Architektur-Touren an und lädt zu Foto-Workshops. Bei so vielen Projekten muss Sullivan sich selbst hin und wieder etwas bremsen. „Manchmal ziehe ich die Reißleine, sage Termine ab oder nehme Offline-Wochenenden“, erzählt er. Oder er bleibt bei seinen Wegen durch die Stadt einfach mal stehen und plaudert mit den Menschen. Neulich erst wieder, zwei Stunden lang mit einem Mann, der in einem Wohnwagen hinter dem Kater Holzig lebt. Soviel Zeit muss sein.

Paul Sullivans Blog mit Angeboten zu Touren und Workshops finden Sie hier.

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