Theater am Ku'damm : Hundert Jahre Heiterkeit

Das Theater am Ku’damm bringt Jonas Jonassons "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" auf die Bühne nach Berlin. Hauptdarsteller Stephan Szász hat viel von Allan Karlsson gelernt – und sich mit dem Altern beschäftigt.

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Als junger Allan Karlsson verändert Stephan Szász nur wenige Äußerlichkeiten - zum Beispiel die Mütze.
Als junger Allan Karlsson verändert Stephan Szász nur wenige Äußerlichkeiten - zum Beispiel die Mütze.Foto: Barbara Braun/ MuTphoto

Was macht er denn jetzt da? In der hintersten Ecke der Probebühne trippelt Stephan Szász im Dunkeln herum, den knallroten Rollkoffer zieht er immer hinter sich her, die Füße in karierten Pantoffeln, braune Weste, hellgrüne Strickjacke, Gatsby-Kappe. Langsam trippelt er, die Knie steif, der Blick starr nach vorn. „Er groovt sich ein“, sagt Eva Hosemann und grinst. Die raue Stimme der Regisseurin verrät ihr Laster, „komm rüber Allan“, rasselt sie und Stephan Szász trippelt herbei. Ganz so, als könne er in diesen Klamotten, in diesen Pantoffeln eines Hundertjährigen gar nicht anders laufen.

Stephan Szász ist 45 Jahre alt. Wie zum Teufel, fragte er sich, als Eva Hosemann ihn fragte, ob er den „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ spielen wollte, wie zum Teufel soll ich das machen? Erste Reaktion: Totaler Quatsch! Doch dann erinnerte sich Szász an den Roman des Schweden Jonas Jonasson, den er eines Sommers in einem Ferienhaus gelesen hatte, dieses Buch, das ihn so sehr zum lachen brachte, dass er den Raum verließ, um seine Frau und die beiden Kinder nicht aufzuwecken. Ein Großteil der Geschichte um den hundertjährigen Allan Karlsson, der einen offenen Umgang mit Gesetz und Alkohol pflegt, besteht aus Rückblicken in sein Forest-Gump-Leben, in dem er sich mit so ziemlich jedem lebenden Diktator anlegt, ganz nebenbei die Atombombe erfindet und vor allem sehr viel trinkt (am liebsten Wodka mit Wodka). Das Buch hat sich allein im deutschsprachigen Raum mehr als zwei Millionen Mal verkauft.

Stephan Szász (rechts, hier mit Achim Wolff) spielt den Hundertjährigen aus dem Weltbestseller von Jonas Jonasson.
Stephan Szász (rechts, hier mit Achim Wolff) spielt den Hundertjährigen aus dem Weltbestseller von Jonas Jonasson.Foto: Barbara Braun/ MuTphoto

Keine Frage also, dass Stephan Szász annahm, als Eva Hosemann ihn für die Bühnenfassung von Axel Schneider anfragte, die im Oktober in Hamburg Premiere feierte und nun im  Theater am Ku’damm neu inszeniert wird.

Er sieht nicht aus wie hundert, das ist klar. Die dunklen Locken, die ausgeprägten Augenbrauen, das markant nach vorn stehende Kinn, das sofort an den jungen Mario Adorf erinnert, dessen Sohn Stephan Szász kürzlich spielen durfte, ein Lebenstraum. Der Film „Altersglühen“ von Jan Georg Schütte läuft bald in der ARD. Auch der Hundertjährige ist selbstverständlich schon verfilmt worden. Angesehen hat sich Stephan Szász das nicht. „Das Teuerste am Film war die Maske“, sagt er. Dafür hat seine Version von Allan Karlsson ohnehin keine Zeit.

Gerade noch sitzt er mit dem gestohlenen roten Rollkoffer (Inhalt: 37,5 Millionen Kronen) und seinem neuen Freund Julius Jonsson (Achim Wolff) in Byringe Bahnhof, dann tritt er aus der Szene heraus, zu den Anfängen seines Lebens, geboren 1905 in Flen, Schweden. Innerhalb von zwei Sekunden muss Stephan Szász die Rolle wechseln von alt auf jung. „Ich kann nur versuchen, eine Körperlichkeit zu entwickeln, an der man die beiden unterscheiden kann“, sagt er. Die steifen Knie, der eingeschränkte Radius seiner Bewegungen. Nur kleine Veränderungen zeigen plakativ die Verjüngung. Den Schirm der braunen Gatsby-Kappe dreht er nach hinten, schlüpft aus der Strickjacke, die einen Buckel andeutet. Stimme verändern haben sie mal ausprobiert, war nicht so gut. Etwas aufs Gesicht aufkleben wollte Stephan Szász nicht. „Wenn ich mir Bilder meines Vaters angucke, dann sah er mit 80 gar nicht groß anders aus als mit 40“, sagt er.

Überhaupt hat sich Stephan Szász zur Vorbereitung viel mit seinem Vater beschäftigt. Erst über die Erinnerung an ihn, der vor zehn Jahren starb, habe er die richtigen Bewegungen für den alten Allan entwickelt. Kleine Gesten, an die er sich erinnerte, Marotten, bringt er nun auf die Bühne. Welche genau, das bleibt sein Geheimnis. „Meine Geschwister und meine Mutter werden es sehen“, sagt er schmunzelnd. Über die Rolle hat sich Stephan Szász zum ersten Mal richtig mit dem Alter auseinandergesetzt. „Oft bin ich mit so einem Unwohlsein zur Probe gegangen, weil ich das Gefühl hatte, mich wieder in so ein körperliches Korsett zwängen zu müssen.“ Erst da sei ihm richtig bewusst geworden, wie es sich anfühlen muss, wenn der Körper nicht mehr so funktioniert, wie man es gern hätte. Morgens aufstehen, Schuhe zubinden, alles wird zur Herausforderung. „Meine Knie tun noch weh, also bin ich noch am Leben“, sagt Allan Karlsson, als er nach einem Schnapsgelage mit ungewollter Todesfolge des Kofferbesitzers wieder aufwacht.

Andererseits hat ihn Allan Karlsson auch gelehrt: Man kann trotz des hohen Alters geistig topfit sein. „Es gibt für mich nichts Schlimmeres, als den Schalter irgendwann auf Öko zu stellen“, sagt Stephan Szász. Das Leben hinzunehmen. Als er nach China geschickt wird, sagt Allan Karlsson: Super, dann lerne ich noch mal ein neues Land kennen. „Wach bleiben, das kann man unglaublich gut von Allan Karlsson lernen“, sagt er. „Eine neue Situation immer als Chance zu sehen, etwas Neues zu entdecken.“

Für ihn ist es gerade eine ganz neue Situation, seit Ende März jeden Tag vom Rüdesheimer Platz in Wilmersdorf mit dem Fahrrad zum Ku’damm zu radeln, nicht in irgendwelchen Hotelzimmern zu wohnen, wie so oft, wenn er dreht oder Theater spielt. „Und wenn man abends rauskommt, hat man das Gefühl, es ist Leben auf der Straße.“ Allan Karlsson hätte es bestimmt nicht gestört.

„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ läuft bis zum 29. Juni im Theater am Ku’damm, Kurfürstendamm 209, Charlottenburg. Karten ab 13 €, mehr Infos: www.komoedie-berlin.de

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