Berlin : Theater der Grausamkeit

Der Kulturausschuss tagt in den Ferien, Senator Flierl teilt aus gegen Intendanten und Opposition

Christina Tilmann

Braun gebrannt waren die wenigsten: Die Ferien, die für die Sondersitzung des Kulturausschusses zur Berliner Theaterfrage unterbrochen werden mussten, waren nicht sehr sonnig gewesen. Einzig Kultursenator Thomas Flierl (PDS) wirkte erholt: Er war extra aus der Provence angereist, wo er den Triumph der Berliner Bühnen beim Theaterfestival von Avignon begleitet hatte. Bernd Wilms, Intendant des Deutschen Theaters, hatte sich urlaubsbedingt entschuldigen lassen und sich – und sein Theater – damit einer Diskussion entzogen.

Die Ausschuss-Sondersitzung musste durch den Präsidenten des Abgeordnetenhauses genehmigt werden. Walter Momper hatte die Auflage erteilt, dass für die Sondersitzung keine Kosten durch extra anreisende Abgeordnete entstehen dürften. Doch immerhin 60 Prozent der Kulturausschuss-Mitglieder war die Lage der Berliner Theater wichtig genug gewesen, um dafür die Sommerpause des Parlaments zu unterbrechen.

Die Oppositionsparteien CDU, FDP und Bündnis 90/Die Grünen hatten Alarm geschlagen, nachdem bekannt geworden war, dass Flierl die Verträge der Theaterintendanten Bernd Wilms (Deutsches Theater) und Volker Hesse (Gorki-Theater) nicht über 2006 hinaus verlängern wolle. Um es kurz zu machen: Neue Nachrichten gab es auf der Sondersitzung nicht. Weder über die Intendantenfrage am Deutschen Theater noch über die Nachfolge für Volker Hesse könne er zu diesem Zeitpunkt sprechen, so Flierl: Das Gespräch mit Wilms sei für den 16. August angesetzt. Über die Hesse-Nachfolge am Gorki-Theater sei auch noch nicht entschieden. Und überhaupt, so der Senator: „Personalentscheidungen sind kein konsensualer Prozess.“

Das sah ein Großteil des Ausschusses offenbar anders. Natürlich sei es das gute Recht jedes Senators, Personalentscheidungen zu treffen, so Monika Grütters (CDU) im Namen der Opposition. Aber informiert werden wolle man doch als Ausschuss, und zwar bevor Entscheidungen unwiderruflich fallen. Macht- und Kompetenzspielchen also, die zunehmend schrillere Töne bekamen, je persönlicher die Gegner aufeinander losgingen: von „paranoiden Verschwörungstheorien“ sprach Flierl, an die Adresse der Ausschussvorsitzenden Alice Ströver (Bündnis 90/Die Grünen) gerichtet, die gemutmaßt hatte, Flierl wolle an den Theatern Künstler mit Ostbiographien bevorzugen. Annette Fugmann-Hesing (SPD) vermutete hingegen, die Einberufung der Sondersitzung sei ein „Reflex der Opposition“: Für dieses extreme Mittel bestehe kein Anlass.

Ein Gesamtkonzept zur Berliner Theaterlage hatte die Opposition eingefordert: Sie hat es bekommen. Am Montag im Abgeordnetenhaus konnte man einen ungewöhnlich entschiedenen Kultursenator erleben. Er wolle inhaltlich gestalten und nicht bloß verwalten, so Flierl, und malte 30 Minuten lang seine Sicht von Berlins Theaterlandschaft aus: Belohnungen in Form von Etaterhöhungen für Volksbühne und Schaubühne, wo die „mutigen Entscheidungen“, Frank Castorf und Thomas Ostermeier als Intendanten zu berufen, längst international Früchte trügen, siehe jüngst Avignon. Lob auch für das neu gestartete „Hebbel am Ufer“, wo Matthias Lilienthal mit wenig Geld vorbildliche Theaterarbeit leiste.

Tadel hingegen, verpackt in fast beleidigend neutrale Anerkennungsworte, für Wilms und Hesse. Das Deutsche Theater, Ort des klassischen Literaturtheaters, müsse sich wieder mit dem Hamburger Thalia-Theater, den Münchener Kammerspielen oder dem Wiener Burgtheater messen können. Und für das Gorki, das Hesse mit tagespolitisch aktuellen Experimenten positionieren wollte, wünsche er sich ein Anknüpfen an die Traditionen des Hauses: Realistisches à la Maxim Gorki und intelligenter Boulevard. Kein Stadttheater, sondern international wahrgenommenes Metropolentheater. Beim Ausschuss gab es dafür erst mal Sommertheater.

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