• Theaterprojekt von Schülern aus verschiedenen Berliner Bezirken: Ich war noch niemals in Neukölln

Theaterprojekt von Schülern aus verschiedenen Berliner Bezirken : Ich war noch niemals in Neukölln

Für viele Schüler ist Berlin eine geteilte Stadt, geografisch wie sozial. Ein Theaterprojekt hat diese und andere Grenzen hinterfragt.

Pascale Müller
Für das Projekt „Klassen-Los“ erarbeiteten Schüler aus mehreren Berliner Bezirken gemeinsam ein Theaterstück über ihren Alltag. Dabei machten sie auch einige überraschende Entdeckungen über die Lebenswelt ihrer Altersgenossen.
Für das Projekt „Klassen-Los“ erarbeiteten Schüler aus mehreren Berliner Bezirken gemeinsam ein Theaterstück über ihren Alltag....Foto: Ute Langkafel / MAIFOTO (Promo)

Viermal ist Hamza heute schon erschossen worden. Aber immer stimmt etwas mit dem Timing nicht. Entweder er fällt zu früh oder zu spät. Jetzt liegt er wie ein Brett auf dem Boden der Aula des Hermann-Hesse-Gymnasiums. Der Schuss, der ihn niedergestreckt hat, kam von hinter, aus der Gruppe der Schüler. Einige von ihnen sitzen auf einer Leiter, andere darunter. Hamza ist ein aufmüpfiger Bauer, der von seinem Lehnsherrn erschossen wird.

Ganz oben auf der Leiter steht Louisa, die Fürstin. Sie ruft: „Wenn die da unten kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen.“ Den Satz wird sie an diesem Nachmittag noch oft wiederholen. Die Schüler des Hans-Berggruen-Gymnasiums und des Hermann-Hesse-Gymnasiums proben für ihren Auftritt im Maxim-Gorki-Theater.

„Klassen.Los“ heißt das Projekt, an dem insgesamt sechs Berliner Schulen teilnehmen, das Robert-Blum-Gymnasium, die Martin-Wagner-Schule, die Hermann-Hesse-Oberschule, das Heinz- Berggruen-Gymnasium, der Campus Rütli, und die Schiller-Oberschule Klassen. Vergangene Woche wurde das gemeinsame Stück im Gorki-Theater aufgeführt.

Theaterprojekt will Grenzen überwinden

Für „Klassen.Los“ begegneten sich Schüler aus unterschiedlichen Stadtvierteln, die Charlottenburger fuhren nach Neukölln, die Kreuzberger nach Wilmersdorf. Manche zum ersten Mal in ihrem Leben. „Ich war noch nie in Neukölln, bevor wir mit der Schule hingefahren sind. Es ist einfach so weit weg“, sagt die 15-jährige Brisa Böhring, Schülerin des Schiller-Gymnasiums während einer Probe im Gorki- Theater. Berlin ist in vielerlei Hinsicht noch immer eine geteilte Stadt. Auch die Schüler spüren das. Es macht einen Unterschied, was die Eltern verdienen, welche Klamotten man trägt, ob man aus einer türkischen Familie stammt oder einer deutschen, Ost- oder West-Berliner. Hamza, der aufmüpfige Bauer, würde heute natürlich nicht mehr erschossen. Aber ganz nach oben auf Leiter, ob er das schafft?

Das Theaterprojekt will solche Fragen stellen und Grenzen überwinden, nicht nur im Stück, sondern auch, indem es die unterschiedlichsten Schüler zusammenbringt. So wie Brisas Klasse und ihre Tandempartner von Campus Rütli in Neukölln. Brisa sagt: „Als ich gehört habe, dass unser Partner der Campus Rütli ist habe ich erstmals gedacht: Oh. Aber die sind ja gar nicht so wie man denkt.“ Ihre Freundin Lea Motylew sagt: „Ich würde das auf jeden Fall wieder machen.“

Komisch finden sie, dass sie immer als „die Deutschen“ gesehen werden. Vielleicht weil ihre Schule im Westen liegt. „Wir sind eigentlich eine total internationale Schule“, sagt Lea. „In unserer Klasse sind nur drei Deutsche.“ In ihren Szenen geht es dann auch um Grenzen im weiteren Sinne, um Geflüchtete und Gastarbeiter. Lea spielt die Parodie eines Pegida-Anhängers in einer Talkshow. „Wir wollten zeigen, dass immer andere, nie die Flüchtlinge selbst zu Wort kommen“, sagt die 15-Jährige.

Klischees im Kopf

Ihre Lehrerin Lena Petersen hat schon beim Schulprojekt „Fallstudien“ mitgemacht. Damals unterrichtete sie noch am Campus Rütli. „Wir haben gesehen wie wichtig die Begegnung ist. Deshalb hatte ich sofort Lust bei einem Projekt mitzumachen, bei dem sich die Schüler aus unterschiedlichen Vierteln begegnen.“

Zurück in der Aula des Hermann-Hesse-Gymnasiums: Die Positionen auf der Leiter haben sich geändert, Hamza ist wieder lebendig. Wir sind in der Leistungsgesellschaft angekommen. Eine Schülerin fragt: „Sollen wir uns nach bestimmten Schichten ordnen?“ Eine der Coaches antwortet: „Hast du denn eine bestimmte Schicht?“ „Keine Ahnung“, sagt das Mädchen.

Während im Hintergrund lärmend umgebaut wird, erklärt Lehrer Fernando da Ponte: „Mein Kollege Steffen Schulz-Lorenz von der Berggruen-Schule und ich haben mit den Klassen viel über gesellschaftliche Ordnung gesprochen. Über die Frage was Klasse bedeutet und ob man denn auch klassenlos sein kann.“ Daraus haben sie gemeinsam mit den Coaches Wera Mahne und Saskia Neuthe die Leiterszene erarbeitet. Doch auch in der Begegnung der Schüler steckt viel Klassenarbeit: „Man hat natürlich viele Klischees im Kopf über die anderen, es gibt Unterschiede im Einkommen, im Elternhaus und in der Selbstdarstellung“, sagt da Ponte.

Eine andere Selbstwahrnehmung

Für den 18-jährigen Yasin Mimkara, Abiturientin am Hermann-Hesse-Gymnasium ist aber nicht so sehr das Einkommen der Eltern das, was ihn von den Schülern des Hans-Berggruen-Gymnasiums unterscheidet. „Ich bin ja an sich Türke“, sagt er. „Und wir sind schon einfach lauter, wir haben eine andere Selbstwahrnehmung. Schau mal die sitzen da und wir tanzen.“ Er zeigt auf seine Mitschüler, die die Pause nutzen um wild durch die Aula zu springen. „Die sind eben nicht mit türkischen Hochzeiten groß geworden.“ Doch auch in die andere Richtung gab es Klischees zu überwinden. Als die Charlottenburger nach Kreuzberg kamen, waren sie überrascht, wie sauber die Schule war. Yasin lacht.

Er spielt seit der achten Klasse Theater, ist schon früher im Gorki aufgetreten. Angst vor dem großen Auftritt hat er keine. „Es sieht jetzt alles noch total chaotisch aus. Aber ich glaube am Ende wird es gut.“

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