THEKEN Tanz : Amano Bar

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In der Barszene ist es ein bisschen wie in der Politik. Das Establishment, also die Sozialliberalgrünkonservativen, präsentiert die üblichen Klassiker. Ab und zu sind ein paar Eigenkreationen dabei, die auch Fantasienamen tragen dürfen, in der Regel entstammen aber die Ingredienzen einer traditionell geschichteten Flaschenwand. Und dann gibt es noch die Piraten.

Deren Cocktailkarten künden von Träumereien, spaßig bis seltsam. Konventionelle Drinks tauchen gar nicht oder nur am Rande auf. Das muss nicht Mangel an Professionalität bedeuten. Eine der besten Bars der Stadt, das Stagger Lee in Schöneberg, beglückt schön schräg mit einer Art Piraten-Brevier im Westernlook. Der Hit ist ein „Robert Mitchum“ – ein Wasserglas halbvoll mit Tequila, eine Schachtel Streichhölzer, eine Lucky Strike.

So ähnlich muss man sich auch die Lage in der Amano Bar vorstellen, obwohl dieses Lokal den Getränkestützpunkt eines edelmodernen Hotels darstellt, dessen Gäste in ihrer Mehrheit wohl nur ungern eine mirakulöse Karte studieren. Das Ambiente ist eher gediegen. Ein marmorverkleideter Tresen, im 95-Grad-Winkel mittig geeckt, am linken Ende prangt ein Riesenposter, auf dem Klaus Kinski gewohnt irre dreinschaut, am rechten Ende ist ein Paar übergroßer Gorillahände verbildlicht. King Kong? Einer der Keeper in den kurzärmeligen schwarzen Hemden nickte. Auf die Frage des drinking man, ob King Kong am Abend noch vorbeikomme, gab’s die lässige Antwort, „es kommt darauf an, was die Gäste getrunken haben.“

Zwei ältere Amerikanerinnen, die nach einem Blick in die Karte irritiert wieder gingen, haben jedenfalls King Kong verpasst. Drinking man und compañera waren aber wild auf den Superaffen und verkosteten einen Bees Knees (Kartenspruch: „hush hush, baby“, dazu Tanqueray Gin, Fresh Lemon, Homemade Honey Syrup), der in einem kleinen Glas großes Aroma verströmte; einen Der Eckige (Parole: „A man walks into a bar . . .“, spirits: Tanqueray No. Ten, Vermouth Antica Formula, Fresh Mint), der King Kong wenigstens ein paar Zentimeter näherbrachte; einen Pink Mojito („Ehre wem Ehre gebührt“ mit El Dorado Blanco Rum, Chambord, Fresh Lime, White Cane Sugar, Fresh Mint, Raspberries, Soda), superb und hübsch komponiert in einem schlanken, hohen Glas; sowie einen Wonderland (ultimative Ansage: „Alles kann! Nichts muss!“; Fresh Passionfruit, Fresh Lime, Homemade Vanilla Sugar, Fresh Mint, Tonic Water) – ein schöner, halbsüßer virgin drink, der aber King Kong wieder auf Abstand hielt. Doch auch ohne Affe ist solches Piratentum ein Genuss. Und dann war noch zu beobachten, dass ein Keeper zwei Mai Tai fabrizierte. Sozialliberalgrünkonservativ kann die Amano Bar auch. Frank Jansen

Amano Bar, Amano Hotel, Auguststr. 43, Mitte, Tel. 80 94 150, täglich ab 16 Uhr

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