Berlin : Thekentanz: Club der Visionäre

Esther Kogelboom

Ausgehen ist Kampf. Um die besten Plätze, die besten Getränke, die besten Gesprächpartner. Ekelhaft. Ganz schlimm, wenn der Ausgeh-Kampf bei heißem Wetter in geschlossenen Räumen ausgetragen wird. Nein, dann gehen meine charmanten Begleiter und ich lieber ins Freie. Dorthin, wo wir uns nicht groß bewegen müssen, wo es dunkel ist und wir uns deswegen nicht in furchtbar hässliche Klamotten von vor zwanzig Jahren pressen müssen, um der Kleiderordnung zu entsprechen. Dorthin, wo ein Wasser in der Nähe ist, und wo man ganz entspannt herumlungern kann.

Der Club der Visionäre am Flutgraben wäre zum Beispiel so ein Ort. Da ist es nach Sonnenuntergang so dunkel, dass wir die Hand vor Augen nicht mehr sehen können. "Ein paar Partylichter wären nicht schlecht", findet einer meiner charmanten Begleiter, indem er die schmale Treppe zum Ufer hinunterschlingert. Unten gibt es eine Bretter-Bar wie im Bacardi-Land, wo es nur dunkle Frauen mit kurzen, weißen, weitschwingen- den Kleidern und Männer mit überdurchschnittlich hohem Testosteron- und Rumgehalt im Blut gibt. Aber zum Glück ist es ja dunkel, und wir trinken auch lieber Bier.

Unweit der Bretter-Bar befindet sich eine halbüberdachte Tanzfläche, die, soweit erkennbar, auch benutzt wird. Außerdem dümpelt ein kleines Floß, das mit einem Seil am Ufer festgezurrt ist, auf dem Wasser. Dort könnte man sich hinlegen und in die Sterne gucken - aber das wäre dann wieder Kampf, weil alle aufs Floß wollen. Also nehmen wir drei kaputte Stühle in Beschlag und beobachten das andere Ufer. Dort befindet sich der überraschend edel gewordene "Freischwimmer", eine gastronomische Institution, die nicht davor zurückschreckt, das Ufer auszuleuchten und dazu Schlager vom Band zu lassen. Als meine charmanten Begleiter und ich nach verquatschtem Bier wieder gehen, müssen wir feststellen, dass dort sogar Paartanz praktiziert wird - Ausgehen ist Kampf.

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