Berlin : Thekentanz: Coffy

oom

Das Coffy zu besprechen, ist so schwierig, wie eine Warze zu besprechen. Ich war zweimal da, und es waren zwei grundverschiedene Abende. Beim ersten Coffy-Besuch saßen meine Freundin und ich auf Kino-Klappstühlen in einer gut versteckten Ecke und bekamen von betrunkenen Zivildienstleistenden zweifelhafte Angebote. Dazu gab es Sixties-Musik, und zwei Mädchen hüpften wie wild auf der Tanzfläche herum. So, als könne man durch besonders heftiges Tanzen seine Unschuld abschütteln. Ansonsten war es ziemlich leer. Die Zivildienstleistenden kifften sich enttäuscht die Birne weg, meine Freundin kippelte gelangweilt auf dem Kino-Klappstuhl und träumte von München und ich entdeckte schließlich im Trockeneisnebel jemanden aus dem ca. 600 Kilometer vom Coffy entfernten Nachbardorf meines Heimatdorfes. Ja, so klein ist die Welt. Meine Freundin und ich verschwanden dann bald, nicht, ohne uns gegenseitig zu versichern, dass das Coffy eigentlich ein ganz netter Club ist. Man müsste nur wann anders wiederkommen.

Das zweite Mal ins Coffy ging ich mit meinem Freund, der ganz in der Nähe wohnt. Es war Freitag und es war gegen ein Uhr, als wir den Club wegen DJ Cpt. Twist betraten. Cpt. Twist legt normalerweise ziemlich gut auf. Das Coffy war brechend voll, an der Bar drängelten und schubsten die Leute und auf der Tanzfläche bewegten sich motownmäßig angezogene, außer Rand und Band geratene Pullunder-Zivis und ihre Pina Colada trinkenden Freundinnen. "Guck mal", brüllte ich meinem Freund ins Ohr, "Cpt. Twist sieht aber heute gut aus!" Mein Freund brüllte zurück: "Aber das ist gar nicht Cpt. Twist!" Der, der die Massen mit bestem Soulkitchen-Funk zum Tanzen brachte, war ein anderer. Cpt. Twist war der, der mit tiefen Ringen unter den Augen, mit dem Jacket meines Sparkassen-Sachbearbeiters und einem alkoholfreien Getränk vor dem DJ-Pult stand. Er hatte verschlafen, musste sowieso gleich zu einer anderen, wichtigeren Party und litt unter einer schweren Erkältung. Er hatte das Coffy einfach versetzt. Wir standen am Rand der Tanzfläche und beobachteten die zur Musik ausrastenden Mädchen, die so glücklich aussahen, als hätten sie an einem Tag das Abitur gemacht, die Führerschein-Prüfung bestanden und die Zulassung zur Schauspielschule bekommen. Ich fühlte mich plötzlich schlecht, verkroch mich in einem gemütlichen Hinterzimmer mit kuscheligen Sofas und trank ein Bier. Ein Fernsehgerät hing in der Ecke, und über den Bildschirm flimmerten nackte Frauen, die sich an den Haaren zogen. Die hatten bestimmt kein Abitur. Das Coffy ist eigentlich ein ganz netter Club. Man müsste nur wann anders wiederkommen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben