Berlin : Thekentanz: Fogo

Frank Jansen

Brasilien kommt. Ein Hauch Copacabana weht durch den Chamisso-Kiez. Und hinterlässt in der Arndtstraße eine kleine Düne, die eifrige Hände auf dem Boden eines Lokals verstäubt haben. So tritt der Gast auf eine strandartige Unterlage, die mit einer Art Teflonschicht überzogen sein muss - der hereingetragene Straßendreck scheint nirgendwo den weißlichen Teint des Sandes zu beflecken. Trotzdem wirkt das "Fogo" (protugiesisch für "Feuer") nicht steril. Biergartenbänke und -tische, ein rustikaler Eck-Tresen mit Bastdach und teils zerschlissenen Barhockern und einem opulenten Flaschenregal sowie die putzigen Wandmalereien fügen sich zusammen zu einem Strandparty-Ambiente, das gerade im Winter angenehm anti-düster wirkt. Trotz des schummrigen Deckenleuchters, in dem kleine Glühkerzen zucken. Man kann sich ja einbilden, am Horizont sei soeben erst die glühende Sonne versunken.

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Die großflächigen Pinseleien sind herzig-schön. Da schauen Jesus Christus, Emiliano Zapata, Humphrey Bogart und Ingrid Bergman zwischen aztekischen Ornamenten dem trinkenden Volk ins Glas. Und der Hausheilige ist gleich mehrfach präsent: Ché Guevara blickt von einer Wand und ist auch auf den Streicholzschächtelchen abgebildet - jedesmal mit einem hinreißenden Silberblick. Sein Mauerportrait ist obendrein mit der kubanischen Revolutionsparole "hasta la victoria siempre" garniert. Vor lauter Rührung ließen drinking man und compañera die Getränkekarte sinken.

Um sie dann doch intensiv zu studieren. Was trotz der Fülle rasch überflüssig wird: Da an diesem Freitagabend wie auch montags, mittwochs und samstags "2 for 1" serviert wird, und zwar unter dem Motto "happy day open end", ist jeder Gast erstmal lange versorgt. So schluckte das drinking couple wechselweise die doppelt vorgesetzten Acapulcos (weißer Rum, Cointreau, Limonensaft, Maraschino) und Mai Tais. Erstere schmeckten ganz gut, letztere erstaunten mit einer unüblichen Pfirsich-Note. Sollte der coole Bunthemd-Keeper zwei Flaschen verwechselt haben? Oder hatte die reizende Servierdame mit dem "Nashville Pussy"-Leibchen bei den vielen Doppeldrinks den Überblick verloren? Angesichts des zunehmenden Gedränges und der damit einhergehenden Zunahme des Stressfaktors für die Fogo-Crew verzichtete das drinking couple auf bohrende Fragen. Zumal die Beschallung mit peppigem Latino-Sound jedes Gegrübel hinweg karnevalisierte.

Beim Verlassen dieser "Latino Brasileiro"-Bar, als die sich das Fogo zu Recht klassifiziert, fielen dem drinking couple ein paar Plastiksäcke mit halbhellem Inhalt auf. "Zuschlagsstoffe und Spezialsande GmbH", war da im Halbdunkel zu entziffern. Soso. Wenn der Copacabana-Hauch mal nicht genügend Sand herbeiweht, wird nachgeholfen. Wer hätte das gedacht.

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