Berlin : Thekentanz: Greenwich

Frank Jansen

Wo soll das enden? Jede Woche eröffnet eine neue Bar, und die gestern noch jungen, heute schon "alten" Lokale wollen gar nicht schließen. Ganz im Gegenteil: Die Szene blüht, es wird offenkundig mehr und teurer getrunken als vor zehn Jahren - und bald ist die City von West nach Ost ein Gewirr ineinander laufender Thekenstränge. Hat das der drinking man gewollt? Die Antwort kann nur lauten: Na sicher doch! Denn Cocktailbars sind Metropolenkultur und punktuelle Triumphe über preußische Bräsigkeit. Ein weiterer winning point - in diesem Fall sogar ein neuer Fixpunkt des nullten Längenkreises - zeichnet sich, nicht ganz überraschend, in Mitte ab. Genauer: In der Gipsstraße.

Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt...

Die Entdeckung wird der drinking crowd allerdings nicht leicht gemacht. Keine Leuchtreklame; Sichtblenden an Tür und Fenstern lassen den Drang zu angestrengter Exklusivität vermuten. Nicht doch - der Schlauch ist spätestens ab 22 Uhr voll mit einem jung-hippem Amüsiervölkchen. Das sich bald derart hautnah ballt, dass dieses Lokal kaum noch begehbar wirkt.

Röhrenartige Polsterwülste drapieren die Wände, unterbrochen von Aquarien mit vielen kleinen silbrigen Fischchen. Der Tresen durchzieht den unteren Raum, vom oberen können aficionadas y aficionados wie an einer Reling das Geschehen der Tiefparterre betrachten - und beobachten, wer die Treppe hinunter zu den sanitären Anlagen entschwindet. Das obere Halbgeschoss bietet aber auch Platz für das Trinken im Sitzen. Die breite, wandlange Raumschiff-Orion-Bank ist ebenfalls stark verwulstet. Die strengklotzigen Hocker sind leidlich bequem und groß genug für anderthalb Popos.

Bei den zwei Besuchen mit wechselnden compañeros, der compañera sowie der aus New York eingeschwebten amiga americana war es stets eng, ziemlich laut und bis zu einem gewissen Hitzegrad durchaus lustig. Die Drinks fielen, so für sich gesehen, nicht sonderlich auf (oder ab). Der watermelon man (Wodka, Melonenlikör, Zitronensaft, Grenadine, Orangensaft) schmeckte wie ein Kinderkaubonbon - genau so hatte es sich der compañero der amiga americana gewünscht. Diese genoss ihren Mojito und nannte ihn "recht strong". Die comÄpanera des drinking man erfreute sich an einem Flying Kangaroo - "sehr kokosnussig" - und griff später zu einem Virgin Mojito (mit Ginger Ale), der trotz seiner Alkoholabstinenz dem Original geschmacklich sehr nahe kam. Etwas enttäuscht war der drinking man von den beiden Singapore Slings, die er bei seinen Besuchen vorgesetzt bekam - zu süß. Der Mai Tai fand jedoch die Gunst eines weiteren compañero (liebe Leser: können Sie noch folgen?), wie auch der üppige, unglaublich blaue Blue Waterfall (Gin, Blue Curaçao, Triple Sec, Zuckersirup, Zitronensaft, Grapefruitsaft) den Begleiter der amiga americana gnädig zu stimmen vermochte.

Verwiesen sei noch auf eine kleine Nickeligkeit: Der Caipirinha kostet deutlich mehr, nämlich 25 Mark. Offenbar wird der Cocktail im Greenwich mit einem Anti-Ballermann-Bannfluch belegt. Das erinnert den drinking man an Zeiten im Kreuzberger Rizz. Da kostete eine Flasche schlichten Schaumgetränks namens Faber-Sekt mehrere hundert Mark. Vermutlich war die Notierung auf der Karte niemals durch minimalen Lagerbestand gedeckt, hat aber keiner gemerkt. Im Greenwich trank übrigens auch niemand einen Caipirinha. Die Erziehung zu elegant drinking wirkt. Bald wird das altpreußische Berlin verschwunden sein.

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