Berlin : THEMA POLIZEI „Die Zukunft der Berliner Kultur ist nicht Sarrazins Sache“

Berlins früherer Kultursenator Volker Hassemer findet: Der Finanzsenator darf ruhig mit dem Klingelbeutel herumlaufen, aber die Predigt soll er nicht auch noch halten

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INTERVIEW

Herr Hassemer, möchten Sie heute noch Kultursenator sein?

Kultursenator in Berlin ist einer der tollsten Jobs in Deutschland. Und zwar unabhängig von den Rahmenbedingungen.

Aber in den achtziger Jahren war doch vieles einfacher.

Nee, nee. Um den Unterschied klarzumachen: Was haben wir damals für fast aussichtslose Verhandlungen mit OstBerlin führen müssen! Unter anderem mit Thomas Flierl, der bis 1987 Mitarbeiter im DDR-Kulturministerium war. Heute hat Berlin offene Grenzen und liegt in einer Region, in der Europa neu startet.

Die Berliner Kultur geht nicht zugrunde?

Wer so klagt, ist entweder historisch blind oder hat keine Ideen. Im letzten Jahrhundert haben Berlin und seine Kultur wahrlich schwierigere Zeiten durchstehen müssen.

Sie konnten, ich erinnere an die 750-Jahrfeier der Stadt 1987, das Geld noch mit vollen Händen ausgeben.

Ich müsste ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich aus den damaligen Möglichkeiten nichts gemacht hätte. Wir hätten die großen Ereignisse, den besonderen Kulturaustausch nicht gehabt. Auch keinen Kammermusiksaal, kein Literaturhaus, kein Haus der Kulturen der Welt, keine Bildhauerwerkstatt und keine Neuköllner Oper. Doch über die Annahme, dass wir in Geld gebadet hätten, kann ich noch nicht einmal lachen. Das war ein täglicher Kampf, nicht zuletzt mit dem Bund. „Hasse mar ne Mark“, hat Wolfgang Neuss damals gedichtet.

War es nach 1990 nicht doch ein Fehler, alle – in den Jahren der Teilung doppelt und dreifach aufgebauten – Kultureinrichtungen bewahren zu wollen?

Nach den kulturellen Institutionen im Ost- und Westteil der Stadt, mit ihren großen Erfahrungen und Potenzialen, würden sich andere Städte die Finger lecken. Das ist in der Sache ein großer Reichtum für Berlin. Hätte der Senat 1990 sagen sollen: Jetzt entreichern wir uns mal gründlich? Der Fehler war ein anderer: Die Kultureinrichtungen und -projekte hätten sofort auf den Prüfstand der strukturellen Zukunftsfähigkeit gestellt werden müssen. Es wurde zu viel einfach eins zu eins weitergemacht.

Sind die drei Opern zukunftsfähig?

Die Entscheidung, eine Opernstiftung zu gründen, war gut. Wenn mit ihr das, was ich „neue Ziele“ nenne, wirklich verfolgt wird: eine größere Ökonomie und Autonomie der Häuser; eine Schwächung der Steuerungsmacht des Kultursenators; eine Stärkung privater Mitverantwortung; eine geordnete Kooperation mit dem Bund. Ich befürchte allerdings, dass der Senat nur wieder an die Einsparpotenziale denkt.

Der Finanzsenator sagt, dass unsere Opern schlechter ausgelastet und höher subventioniert sind als in München oder Hamburg.

Wenn der Finanzsenator mit solchen Vergleichen radikal für eine sparsame Verwendung der knappen Finanzmittel werben will, bin ich voll auf seiner Seite. Gerade wenn etwas sehr wichtig ist, muss jeder unnötige Aufwand vermieden werden. Auch bei den Opern. Wenn aber der Finanzsenator in der ihm eigenen berufsmäßigen Zahlenschlichtheit die Zukunft der Kultur in Berlin entwirft, ist das kurios. Das ist, wie wenn in der Kirche der für den Klingelbeutel Zuständige gleich auch die Predigt hält. Da müssen schon andere auf die Kanzel steigen.

Die Politik hat mal wieder versagt?

Ich weiß, dass die Situation in Berlin ungewöhnlich kompliziert ist. Da ist billige Kritik am Senat fast zynisch. Die Politiker allein können es nicht richten. Nicht, weil die Leute besonders doof, sondern weil die Schwierigkeiten besonders groß sind. Die ganze Stadtgesellschaft muss sich viel stärker als bisher verantwortlich machen. Die Kultur gehört nicht der Politik, sondern den Berlinern. Und weil dies unser gemeinsames Eigentum ist, müssen wir uns gemeinsam darum kümmern.

Privates, bürgerliches Engagement für die Kultur – das gibt es in Berlin aber kaum.

Das wird auch nichts, solange Private – erinnern Sie sich an Peter Dussmann – nur als vermeintliche Goldesel an die Leine genommen und nicht zur Mitverantwortung herangezogen werden. Nicht in dem Sinne, dass private Mäzene die Kultur übernehmen. Der Staat muss und wird die Nummer eins für die Kultur bleiben und darf sich nicht in gleichem Umfang zurückziehen, wie Private sich einsetzen.

Das Gespräch führte Ulrich Zawatka-Gerlach.

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