Theologisches Konvikt : Sorge um ein christliches Idyll

Im Theologischen Konvikt in Mitte studierte einst die kirchliche DDR-Opposition. Jetzt ist es bedroht.

Benjamin Lassiwe
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Im stillen Winkel. Im Theologischen Konvikt wurde im Oktober 1989 die Neugründung der Ost-SPD vorbereitet. Foto: Doris...

Eine Fanfare aus dem Fußballstadion hängt an der weißgetünchten Korridorwand. Wenn es brennt, sollen die Bewohner des Theologischen Konvikts in der Borsigstraße in Mitte damit Alarm schlagen. „Die Rauchmelder an der Decke haben wir aus dem Baumarkt geholt und selber anmontiert“, erzählt Thies Friedrich. Der Theologe hat gerade sein erstes Examen bestanden. Doch nun hat für ihn ein anderer Kampf begonnen: Zusammen mit seinen 71 Mitbewohnern setzt er sich für die Erhaltung des malerisch in einem Alt-Berliner Hinterhof gelegenen Studentenwohnheims ein.

Denn das der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gehörende Konvikt müsste saniert werden. Sechs Millionen Euro wären erforderlich, haben die Studenten ausgerechnet. Doch die Evangelische Kirche kann diesen Betrag nicht zahlen, sagt ihr Ausbildungsdezernent, Pfarrer Christoph Vogel. Eine erhoffte Großspende für ein internationales christliches Studierendenzentrum kam wegen der Wirtschaftskrise nicht zustande. Dabei hat das Ziegelsteingebäude neben der Golgatha-Kirche durchaus eine Geschichte: Zu DDR-Zeiten war hier das Sprachenkonvikt, eine kirchliche Hochschule, in der Pfarrer frei von staatlichem Einfluss ausgebildet wurden. So frei, dass in den letzten Monaten der DDR Studenten wie Markus Meckel oder Stephan Hilsberg mit ihren Professoren Wolf Kröttke und Richard Schröder in den Gruppenräumen über die Neugründung der SPD in Ostdeutschland diskutieren konnten. „Hier bei uns wurde die Gründung der Sozialdemokratischen Partei im Oktober 1989 in Schwante vorbereitet“, sagt Thies Friedrich.

Bis heute prägt das Haus der romantisch-morbide Charme vergangener Zeiten. Manche Möbel, etwa die Küchenschränke, wirken wie ein Zufallsfund vom Trödelmarkt, und wer auf die kleine Dachterrasse will, wo eine einsam unter dem hölzernen Bistrotisch liegende Glasflasche noch von der letzten Sommerparty zeugt, muss einmal quer durch ein gefliestes Badezimmer gehen. Links vom Durchgang ist die Dusche, rechts das WC. Oben, wo die tief hängenden Herbstwolken den Blick auf die Kugel des Fernsehturms vernebeln, berichtet der von den Studenten gewählte „Senior“ des Konvikts, Max Noak, von den Defiziten beim Brandschutz, die Betriebsgenehmigung des Konvikts wird daher nur noch von Jahr zu Jahr verlängert. Und er erzählt von dem Besucher, der sich an ein besetztes Haus erinnert fühlte. Oder den Protestaktionen der letzten Wochen: Dem Fahrradputzen im Hof der Kirchenzentrale und der Demonstration, bei der rund 100 angehende Pfarrer im Talar für das Wohnheim protestierten.

Denn die Studenten schwärmen für dieses Heim mit seinem ganz eigenen Flair. Für die Zimmer gibt es eine Warteliste, auf der längst nicht nur angehende Pfarrer stehen. Nur 40 Prozent der Bewohner studieren Theologie. „Ich habe schon in einem anderen Wohnheim gelebt – da waren die Möbel von der Stange, und zu vielen Mitbewohnern hatte ich keinen Kontakt“, sagt Thies Friedrich. Im Konvikt dagegen fänden sich immer Studenten, die Kurse und AG’s organisieren, „vom Hebräisch-Übersetzen bis zum Tango-Tanzen“. Ein gemeinsames Frühstück unter Zimmernachbarn sei ebenso normal wie die Unterstützung beim Lernen in der hauseigenen Bibliothek. „Wir glauben, dass das Konvikt eine einmaliger Ort ist, wo junge Menschen in christlicher Gemeinschaft zusammenleben können“, sagt Max Noak. „Theologiestudenten können hier für ihr Gemeindeleben lernen, und wer etwas anderes studiert, wird die Kirche hinterher in guter Erinnerung behalten.“ Zumal auch andere kirchliche Einrichtungen für Studenten auf dem Gelände ihren Platz gefunden haben: die Evangelische Studentengemeinde oder ein diakonisches Begleitprogramm für ausländische Studierende.

Zumindest etwas haben die Bewohner des Konvikts erreicht: Eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Kirchenleitung und Studenten wird sich Gedanken über Konzepte für das Gebäude machen. Denn auch für die Kirche sei das Theologische Konvikt ein zentraler kirchlicher Ort, sagt Christoph Vogel. Es sei durchaus denkbar, dass sich auf dem Gelände weiterhin ein Zentrum kirchlicher Studentenarbeit betreiben ließe. „Dafür braucht es aber tragfähige Konzepte und einen Geldgeber von außerhalb“, sagt Vogel. „Beides haben wir im Moment noch nicht.“ Benjamin Lassiwe

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