Therapie : Auf Schritt und Tritt: Täterberatung bei Stalking

Stalking ist eine Sucht. Eine Steglitzer Beratungsstelle versucht, die Täter von ihren Zwängen zu befreien.

Verena Friederike Hasel

Der Nachhauseweg ein einziger Gedanke: Warum hat er sie nicht angesprochen. Zu Hause googelt er ihren Namen, das Einzige, was ihm von ihr geblieben ist. Er findet sie schnell, sie ist bei einer Internetplattform angemeldet. Er registriert sich auch, will das Gespräch beginnen, zu dem ihm auf der Party der Mut gefehlt hat. Als sie nicht antwortet, verrutscht sein Ton. Seine Nachrichten werden schlüpfrig, sogar beleidigend, als sie seinen Absender blockiert, legt er sich neue Namen zu, schreibt Botschaft um Botschaft, kann nicht aufhören.

Dies ist eine der Geschichten, die Wolf Ortiz-Müller bei seiner Arbeit hört. Der Psychologe leitet die Beratungsstelle Stop Stalking in Steglitz, sie richtet sich an Stalker, die keine mehr sein wollen. Seit März 2007 ist das Anti-Stalking-Gesetz in Kraft, seitdem steht es ausdrücklich unter Strafe, wenn ein Mensch einen anderen hartnäckig verfolgt und belästigt. Ein Jahr drauf, im April 2008, eröffnete Stop Stalking, allein im ersten Monat meldeten sich 40 Menschen. Beratung für die Täter gibt es sonst nirgends in Deutschland.

Dass die Menschen, denen man nachstellt, sehr leiden, glaubt man sofort. Dass auch diejenigen, die nachstellen, in Not sind, das weiß Ortiz-Müller. „Stalking hat Suchtcharakter“, sagt er. Seine Klienten sind Menschen, deren Denken und Fühlen sich zwanghaft auf eine Person verengt haben, die ähnlich wenig von ihm lassen können wie ein Alkoholiker von der Flasche.

Warum das so ist, das versuchen die Therapeuten in drei bis fünfzehn Sitzungen herauszufinden. In den ersten Gesprächen können sie anonym bleiben, dann schließen sie mit vollem Namen einen Beratungsvertrag ab. „Dieses Bekenntnis ist wichtig“, sagt Ortiz-Müller. Es gehe um die Übernahme von Verantwortung. Um zu begreifen, was sie dem Verfolgten antun, bittet er seine Klienten, einen Brief aus Opfersicht an sich selbst zu schreiben. Darin müssen sie alles auflisten, was sie ihrem Opfer angetan haben – von den E-Mails bis hin zur Morddrohung.

Einige Stalker haben von der Polizei den Rat bekommen, sich in der Beratungsstelle zu melden, die Zusammenarbeit der beiden ist eng. „In diesen Fällen“, sagt Ortiz-Müller, „sind wir das Zuckerbrot zur Peitsche.“ In anderen Fällen kommen Menschen von alleine – wie die Frau, die beunruhigt anrief. Neulich sei sie in der Straße eines Kollegen spazieren gegangen, weil sie hoffte, ihm dort zu begegnen, und das, obwohl sie verheiratet sei und ein Kind habe – ob das schon Stalking sei? Tatsächlich sind die Grenzen zwischen Schwärmen und Stalken mitunter fließend. „Als Teenager haben wir alle mal mehr oder minder gestalkt“, sagt Ortiz-Müller. Haben bei der Schulkameradin angerufen, ohne etwas zu sagen, die Adresse im Stadtplan herausgesucht, in jedem Blick die große Liebe gelesen …

Dass Stalking in den vergangenen Jahren zu einem echten Problem geworden ist, bringt der Psychologe mit den neuen Medien in Verbindung. Mobiltelefon und Internet erzeugen die Illusion von Nähe – mit dem Handy ist der andere immer und überall erreichbar, das Internetforum zeigt an, wann der andere online ist.

Ganz am Ende der Sitzungen in der Beratungsstelle wird das Thema Nähe noch einmal wichtig. Da bittet Ortiz-Müller seine Klienten, einen Brief der Entschuldigung an das Opfer zu schreiben. Nur abschicken darf er ihn nicht – das Beste, was ein Stalker für den anderen tun kann, ist, endlich Abstand zu halten.

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