• Therapie für Tote: Betrugsverdacht gegen Ärzte weitet sich aus AOK ermittelt jetzt in 200 Fällen gegen Berliner Mediziner.

Berlin : Therapie für Tote: Betrugsverdacht gegen Ärzte weitet sich aus AOK ermittelt jetzt in 200 Fällen gegen Berliner Mediziner.

Auch Optiker, Psychologen und Masseure im Visier

Ingo Bach

Von Ingo Bach

Die Affäre um Ärzte, die Behandlungen bereits verstorbener Patienten abgerechnet haben sollen, weitet sich aus. Nach Tagesspiegel-Informationen hat die AOK Berlin, mit rund 600 000 Mitgliedern die größte Krankenkasse Berlins, eine lange Liste mit Verdachtsfällen an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) übergeben. Danach sollen Berliner Ärzte in den Jahren 2000 und 2001 in rund 200 Fällen Patienten „behandelt“ haben, die zum Zeitpunkt der Abrechnung bereits verstorben waren. Insgesamt seien 22 Ärzte auffällig geworden – zusätzlich zu den sechs, die die Kasse bereits im Februar an die KV gemeldet hatte.

„Die Kassenärztliche Vereinigung muss nun die Daten überprüfen“, sagt AOK-Sprecherin Gabriele Rähse. Den Stein ins Rollen brachte im Februar die Deutsche Angestelltenkrankenkasse (DAK), die auf fünfzig verdächtige Ärzte gestoßen war. Diese hatten in rund 100 Fällen für Tote kassiert. Bei 17 Medizinern hat sich der Verdacht des Abrechnungsbetruges so weit bestätigt, dass man deren Daten der Polizei für weitere Ermittlungen übergeben habe, heißt es von der KV Berlin. Manche dieser Ärzte finden sich nach KV-Angaben nun auch auf der Liste der AOK. Allerdings müsse man die Angaben erst überprüfen, bevor man konkrete Aussagen treffen könne.

Auch die Techniker-Krankenkasse hat in Berlin zehn derartige Verdachtsfälle ermittelt. Und nicht nur Mediziner kassierten für Patienten nach deren Ableben – auch andere Berufsgruppen sind in das Visier der Krankenversicherungen geraten. So stieß die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) – mit 294 000 Berliner Versicherten eine der großen Ersatzkassen – für den Zeitraum vom August 2001 bis März 2003 auf 32 Verdächtige. Nur acht von ihnen sind Ärzte, der Rest sind zum Beispiel Optiker, Psychologen und Masseure. Auch diese Daten habe man der KV übermittelt, so ein KKH-Sprecher.

Nun steht nicht hinter jedem Verdacht auch gleich ein betrügerischer Doktor. Manchmal starb ein Versicherter an einem Wochenende, den der Arzt am Freitag noch sah, aber erst am Montag abrechnete. Oder dem Mediziner wurde von einem Kranken die Chipkarte eines Toten untergeschoben. Deshalb ist die genaue Prüfung durch die KV nötig, die dabei aber auf die Daten der Krankenkassen angewiesen ist.

Die betrügerischen Ärzte schädigen vor allem ihre Kollegen. Denn da der Topf für die Honorare pauschal zwischen KV und Krankenkassen ausgehandelt wird, bessern die Täter ihr Praxissalär zu Lasten der ehrlichen Doktoren auf. Und der Abrechnungsbetrug wird zu einem immer größeren Problem. Jahr für Jahr sind es zehn Prozent mehr Verdachtsfälle, die die Ermittlungsgruppe Medicus beim Landeskriminalamt bearbeitet. Und jedes Jahr stoßen die Ermittler auf 30 bis 35 Ärzte, bei denen sie sich sicher sind, dass diese bewusst falsch abrechneten. Insgesamt praktizieren in Berlin 6200 niedergelassene Mediziner.

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