Berlin : Therapie für Tote: Ermittlungen gegen 143 Berliner Ärzte

Teilweise wurden Verstorbene über mehrer Quartale „behandelt“. Kassenärztliche Vereinigung übergab Liste an Staatsanwaltschaft

Ingo Bach

Berliner Ärzte stehen unter Betrugsverdacht. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen insgesamt 134 Mediziner, die in 427 Fällen die Behandlung bereits verstorbener Patienten abgerechnet haben sollen. Bei 73 Ärzten hat sich der Verdacht erhärtet. Nach Tagesspiegel-Informationen hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) diese Liste der Staatsanwaltschaft übergeben. Die entsprechenden Daten hatten im Frühjahr fünf große Krankenkassen zusammengetragen.

Doch nicht immer muss dahinter eine betrügerische Absicht stecken. So kann es durchaus sein, dass ein Patient zum Beispiel an einem Freitag den Arzt aufsuchte, am Wochenende verstarb und sein Doktor erst am Montag dessen Behandlung einreichte.

Doch bei ihren eigenen Recherchen entdeckte die KV 73 Ärzte, bei denen sich der Anfangsverdacht verstärkt hat. Diese Mediziner wollen 319 mal Patienten behandelt haben, die mindestens ein Quartal zuvor verstorben waren und deren Abrechnung „nicht plausibel" gewesen sei, sagt Annette Kurth, Sprecherin der Berliner KV. Zum Teil hätten diese Mediziner noch Patienten zwei oder drei Quartale nach deren Ableben „behandelt". „Es ist nicht auszuschließen, dass es sich zum Teil auch um vagabundierende Chipkarten handelt, die nach dem Tod des Versicherten nicht an die Kassen zurückgegeben wurden.“ Allerdings sei so nur ein kleiner Teil der Verdachtsfälle so zu erklären.

Ein betrügerischer Arzt bessert sein Praxissalär auf Kosten seiner ehrlichen Kollegen auf, denn das zwischen Kassen und KV ausgehandelte Budget für die Honorare ist begrenzt. Insgesamt gibt es in Berlin rund 6000 niedergelassene Ärzte. Der Abrechnungsbetrug unter ihnen wird ein immer größeres Problem. Von Jahr zu Jahr sind es zehn Prozent mehr Verdachtsfälle, die die Ermittlungsruppe Medicus beim Landeskriminalamt bearbeitet. Allerdings haben die Krankenkassen seit Mai keinen weiteren Fall einer Abrechnung von Toten gemeldet, sagt KV-Sprecherin Kurth.

In 20 der insgesamt 427 Fälle wolle die Staatsanwaltschaft inzwischen die Ermittlungen wegen Geringfügigkeit einstellen, sagt Manfred Richter-Reichhelm, Chef der Berliner KV. „Aber wir recherchieren dann selbst weiter. Betrüger gehören nicht zu uns." Den überführten Medizinern drohen harte Strafen bis hin zum Entzug der Kassenzulassung.

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