Berlin : Therapie nach Zahlen

Senat veröffentlicht aktuelle Statistik: Welche Klinik operiert wie häufig Krebspatienten? Kleine Häuser kritisieren Verfahren

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Solche Daten sind noch immer selten zu bekommen: Wie häufig operiert ein Krankenhaus einen bestimmten Krebs? Eigentlich interessante Zahlen, denn sie erlauben – so sehen es Experten – auch Rückschlüsse auf die Qualität der Therapie. Zum zweiten Mal nach 2006 veröffentlichte nun die Berliner Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei/PDS) die Behandlungszahlen für 21 ausgewählte Tumorarten in den Kliniken der Hauptstadt. Über 16 000 Patienten wurden mit diesen Diagnosen im Jahr 2005 versorgt – Tendenz steigend.

Es gehe um Transparenz, um diejenigen zu unterstützen, die durch die Diagnose in eine belastende Situation geraten seien, sagte Lompscher gestern auf einer Pressekonferenz. „Die Wahl müssen die Betroffenen natürlich selbst treffen – im Gespräch mit ihrem Arzt.“ Die Statistiken könnten für eine solche Entscheidung eine Hilfe sein. Eine klare Empfehlung, ein Haus mit hohen Fallzahlen für die Therapie vorzuziehen, will die Senatorin nicht aussprechen. Wahrscheinlich auch, um die Kliniken weiterhin zur Kooperation bewegen zu können, denn die haben der Veröffentlichung zugestimmt, kein leichter Schritt bei fast 70 konkurrierenden Häusern in der Stadt. Damit bleibt Berlin bundesweit Vorreiter.

Lompscher ist sicher: Solche Daten würden langfristig zu einer Konzentration der Tumortherapien in Kompetenzzentren mit hohen Fallzahlen führen – und das komme letztendlich auch der Qualität zugute.

Ein Kritiker solcher, wie er sagt „zu kurzen Schlüsse“, ist der ärztliche Direktor des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe, Harald Matthes. Das den anthroposophischen Idealen – also der ganzheitlichen Medizin – verpflichtete Krankenhaus in Spandau erreicht bei fast keinem der untersuchten Tumorarten sehr großen Behandlungszahlen. Die Zahlen seien aber auch manipulationsanfällig, meint Matthes. Manche Kliniken würden jeden operieren, egal, ob der Eingriff den Patienten langfristig etwas nützt oder nicht. Denn nicht bei allen Tumorkranken ließe sich mit einem Schnitt die Heilungschance verbessern. „Bei einem Speiseröhren-Krebs profitiert im Schnitt nur jeder fünfte Patient von einer primären Operation, bei Bauchspeicheldrüsenkrebs jeder sechste.“ Bei Kranken, bei denen beispielsweise der Krebs bereits tief ins Gewebe gewuchert ist oder die Lymphknoten befallen sind, bringe ein Eingriff keinen Vorteil.

Allerdings sehen oft auch Patienten im Herausschneiden die letzte Chance - sie wollen den Feind aus ihrem Körper verbannen. Dann müsse der Arzt ehrlich sein und sagen, dass die Operation nichts bringt, da der Krebs bereits gestreut hat und durch die Operation keine Lebensverlängerung eintritt und die Lebensqualität sogar sinkt, sagt Matthes. Und Alternativen vorschlagen, die dann nicht mehr die Heilung zum Ziel haben, dafür aber die Lebensqualität auf dem letzten Abschnitt, Schmerzfreiheit etwa. „Wir müssen auch in der Krebsbehandlung klare Qualitätskriterien definieren, etwa Komplikationsraten“, sagt Matthes. Für Brustkrebs gibt es so etwas schon. Da werden seit Jahren Qualitätsdaten gesammelt – und seit 2006 auch veröffentlicht (siehe Kasten).

Die komplette Liste aller analysierten 21 Krebsarten mit allen Krankenhäusern finden Sie im Internet: www.berlin.de/sen/gesundheit/index.html

Eine Auswahl für acht Tumorarten finden Sie in den nebenstehenden Grafiken.

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