Berlin : Therapieziel: Ausgeschlafene Ärzte

Berliner Krankenhäuser testen neue Arbeitszeitmodelle, weil übermüdete Mediziner Patienten gefährden können

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Von Ingo Bach

Berliner Krankenhausärzte sollen weniger arbeiten – zum Wohle ihrer Patienten. Denn übermüdete Mediziner, die 24 und mehr Stunden ununterbrochen ihren Dienst tun, können eine Gefahr für Kranke sein, deren Leben zum Beispiel von der Konzentrationsfähigkeit ihres Chirurgen abhängt. Deshalb testen die Krankenhäuser in der Hauptstadt Arbeitszeitmodelle. Ausgeschlafene Mediziner sollen die Kranken richtig behandeln können.

Das Hauptproblem ist die Arbeitsorganisation. Normalerweise arbeiten die Ärzte acht Stunden am Tag, müssen anschließend aber noch Bereitschaftsdienste leisten – meist abends und nachts. Das heißt, mit Normal- und anschließendem Bereitschaftsdienst arbeiten die Mediziner bis zu 24 Stunden am Stück, weil sie während ihrer Bereitschaft kaum zur Ruhe kommen.

Für die Ärzte geht es dabei auch um Geld. So bessern zum Beispiel Assistenzärzte ihr Monatseinkommen durch die Bereitschaftsdienste um bis zu 1500 Euro auf. Kein Wunder, dass manche von ihnen ranklotzen. Andere werden von ihren Chefärzten bis an die Leistungsgrenzen ausgenutzt.

Ärztevertreter klagen über die massive „Ausbeutung“. Dreißig Stunden und mehr stünden manche Mediziner am Krankenbett oder im OP. „Dann reagieren die übermüdeten Ärzte, als hätten sie einen Alkoholspiegel von 1,0 Promille“, sagt der Berliner Ärztekammerpräsident Günter Jonitz.

Der Politik ist das Drama bewusst, das sich auf Klinikfluren und an Patientenbetten abspielt. Im vergangenen März gab Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt die Parole aus, die Ärzte zu entlasten und dafür verschiedene Arbeitszeitmodelle zu testen. Jetzt werden in Berlin die ersten Varianten erprobt. Das Unfallkrankenhaus Marzahn setzt als erstes der großen Berliner Krankenhäuser auf eine elektronische Erfassung der Arbeitszeiten, um wenigstens alle Überstunden abzubauen, die zusätzlich zur Bereitschaft geleistet werden. Dass die Überstunden, die über das gesetzlich zulässige Maß von täglich zehn Stunden hinausgehen, nun nicht mehr gezählt werden, obwohl sie oft genug unvermeidbar anfallen, stößt bei einigen Ärzten allerdings auf wenig Freude. Man verfahre nach der Devise, dass nicht sein könne, was nicht sein darf, meinen Kritiker.

Der landeseigene Klinikkonzern Vivantes will seine Ärzte in Schichten arbeiten lassen, um die Bereitschaftsdienste zu verkürzen. Ab Mitte Oktober wird zunächst ein Zwei-Schicht-System auf sechs Stationen – Innere, Chirurgie und Psychiatrie – getestet. Das heißt, an täglich 16 Stunden sind die Stationen mit Ärzten besetzt, die ganz normale Dienste leisten.

Auch die beiden Häuser der DRK-Schwesternschaft in Westend und Köpenick experimentieren mit Schichtdiensten. Im Erste-Hilfe-Bereich von Westend gibt es schon einen Spätdienst, das heißt, die Notfallärzte arbeiten in zwei Schichten. Nun kommt eine dritte anstatt der Bereitschaftsdienste hinzu. Die Folge: Pro Schicht sind weniger Ärzte auf Station. Der Personalchef des Krankenhauses, Manfred Kreutzer, rechnet mit einem Mehrbedarf von 28 Ärzten, die eingestellt oder durch „Freistellung“ aus anderen Bereichen versetzt werden müssten.

Kostenneutralität steht für das Universitätsklinikum Benjamin Franklin an erster Stelle. „Wir können uns kein Arbeitszeitmodell leisten, das Geld kostet“, sagt Regina Jünger, stellvertretende Verwaltungsdirektorin. Die Manager des Klinikums haben eine Lösung gefunden, die den Interessen der Ärzte wie der Patienten entgegenkommen soll. In der Unfallchirurgie erprobt man die VierTage-Woche. Dabei wird die tarifliche Arbeitszeit – 38,5 Stunden – auf vier Arbeitstage verteilt. Pro Tag also rund 9,5 Stunden. Dem vierten Tag folgt ein Bereitschaftsdienst. Die Ärzte sind täglich länger anwesend und trotzdem nicht völlig ausgelaugt. Und der Einkommensverlust ist geringer als beim Schichtsystem. Denn die bezahlten Bereitschaftsdienste bleiben erhalten.

Eines ist allen Modellen gleich. Wenn die Ärzte weniger arbeiten, dann müssen mehr von ihnen eingestellt werden. Und das kostet Geld. Die Mehrbelastung will das Bundesgesundheitsministerium mit einem Fonds auffangen, der mit je 100 Millionen Euro für 2003 und 2004 gefüllt ist. Bei den Kliniken ist man mit dieser Summe unzufrieden. „Wenn man die hundert Millionen auf alle Kliniken in Deutschland umrechnet, dann bleibt für uns gerade mal eine Arztstelle“, sagt der Klinikmanager eines großen Berliner Krankenhauses. Ähnlich rechnet man im Universitätsklinikum Benjamin Franklin: Ein oder zwei Ärzte könne man damit einstellen. „Das ist nicht mal ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein“, sagt ein Mitarbeiter der Klinikleitung.

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