Berlin : Thierse und das Tor: Der Bundestagspräsident schießt gegen "Torwart" Strieder

Clemens Wergin

Morgen verschwindet das Brandenburger Tor für anderthalb Jahre hinter Baugerüsten und Abdeckplanen. Nur zehn Jahre nach der letzten Restaurierung sind die Oberfläche sowie das Fundament und andere Teile des Bauwerks schon wieder so beschädigt, dass eine Grundsanierung ansteht. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) nutzte die Vorstellung des Projektes gestern für eine Kritik an der Verkehrspolitik des Senats und damit seines Parteifreundes, Verkehrssenator Peter Strieder.

"Ich hoffe, dass die eineinhalb Jahre genutzt werden, um die Verkehrssituation am Brandenburger Tor noch einmal zu überdenken", sagte Thierse. Es gelte, aus der Not eine Tugend zu machen und Wege zu finden, den Autoverkehr zu begrenzen. Strieder verwies auf den Senatsbeschluss, wonach das Brandenburger Tor nur zeitweise für den Verkehr geöffnet bleibe, so lange die Dorotheenstraße und andere umliegende Verkehrsadern gesperrt seien. In einem Punkt konnte er Thierse entgegenkommen: Die hässlichen Straßenabsperrungen sollen vom Pariser Platz verschwinden.

Der Platz wird laut Strieder während der Sanierung des Tors mit einem glatten, geschnittenen Stein gepflastert. Zwar soll es in der Mitte des Platzes wieder eine Verkehrsinsel geben, sie wird sich aber nur optisch, durch unterschiedliche Pflasterung vom Umfeld abheben. Verkehrssenator Strieder hofft, dass bis zum Ende der Sanierungsarbeiten auch die Bauarbeiten am Pariser Platz so weit abgeschlossen sein werden, dass dieser zentrale Berliner Ort dann ein neues Gesicht erhält. Bis zu 10 Millionen Mark soll nun die von der Stiftung Denkmalschutz Berlin betreute Renovierung kosten. Den größten Teil des Geldes bringt die Telekom als Sponsor auf.

Der heutige Staatsbesuch des Großherzogs von Luxemburg soll noch abgewartet werden. Dann beginnt die Einrüstung des Bauwerks, die Ende des Monats abgeschlossen sein soll. Der Verkehr wird aber weiter unter der Quadriga hindurchfließen können. Ganz verschwindet das Tor ohnehin nicht aus dem Stadtbild, zeigt die vorgesehene Abdeckplane doch weiter das Berliner Wahrzeichen - und rückt es näher an Frankreich und Russland: Von Osten ist auf der Plane der Eiffelturm, von Westen der Kreml zu sehen.

Für die Reinigung der Fassade wird ein neuartiger, im Wissenschaftszentrum Adlershof entwickelter Laser zum Einsatz kommen, der den Schaden an der originalen Bausubstanz auf ein Minimum begrenzen soll (siehe Stichwort). Dies ist auf der dem Wettereinfluss stärker zugewandten Westseite besonders wichtig. Platzt hier doch die Oberfläche an manchen Säulenfußen schon als schwarze Kruste ab. Wie der Geschäftsführer der Stiftung, Helmut Engel, sagte, müssten aber auch die bei früheren Arbeiten unsachgemäß eingefügten Steinflicken an den Säulen ausgewechselt werden. Manche dieser Flicken alterten schneller als der Originalstein, durch unsachgemäße Verfugung seien teilweise weitere Feuchtigkeitsschäden entstanden.

Aber auch das Fundament ist sanierungsbedürftig: Die Fundamentplatte ist nicht mehr steif genug. Bodenbewegungen werden so auf das Bauwerk umgeleitet und können zu Rissen führen. Einen besonders breiten, durchgehenden Riss im nördlichen Torhaus führt Engel jedoch auf einen "Denkfehler" beim Wiederaufbau 1956/57 zurück. So wurde das Tor mit seinen Flügelbauten ohne Dehnungsfuge fest verbunden. Nun sollen die Bauteile "entkoppelt" werden, um bei normalen Bewegungen der Gebäude solche Risse in Zukunft zu verhindern.

Koordiniert werden die Arbeiten von der erst vor knapp einem Jahr gegründeten Stiftung Denkmalschutz, die vom Berliner Senat beauftragt wurde, die Aufgaben eines Bauherren wahrzunehmen. Thierse forderte Berliner Unternehmer denn auch auf, sich das Engagement der Stiftung und der Telekom zum Vorbild zu nehmen, um sich um das kulturelle, bauliche und künstlerische Erbe der Stadt zu kümmern. Ihm sekundierte der Gründer der Stiftung, Reinhard Müller: "Wir können das Problem des Denkmalschutzes nicht immer auf den Staat abwälzen", meinte er und verteidigte den Einsatz von Sponsoren auch beim Nationaldenkmal.

Wer das Tor noch einmal unverhüllt erblicken möchte, sollte sich sputen. Wenn es in anderthalb Jahren wieder enthüllt wird, darf das Wahrzeichen wieder im hellen Sandsteinton erstrahlen. Sollten die Restauratoren bei der Auswahl der Steinflicken ein glückliches Händchen haben, wird das Tor dann auch von den "Pocken" geheilt sein.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar