Thilo Sarrazins neues Buch : Die Tugend von heute

Diesmal zieht er gegen die angebliche Moral der Gleichheit zu Felde, die Medien und ihr „Gleichheitsbedürfnis” werden in diesem Zusammenhang ausführlich thematisiert. Doch ein Skandalseller scheint Thilo Sarrazins neues Buch nicht zu werden.

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Im Land der vernebelten Hirne. Thilo Sarrazins Thesen haben diesmal keine Demonstranten zur Buchpremiere gelockt.
Im Land der vernebelten Hirne. Thilo Sarrazins Thesen haben diesmal keine Demonstranten zur Buchpremiere gelockt.Foto: dpa

Die Fragerunde beginnt sehr freundlich – und viel Streit kommt auch später nicht dazu. Gleich der erste Journalist, der zu Wort kommt, gibt sich – ganz unironisch – als Fan Thilo Sarrazins zu erkennen und arbeitet sich dann mühsam an die Frage heran: Wie es dem großen Umstrittenen denn gehe? Och, antwortet der, „wie Sie sehen, geht’s mir gut“. Damit wäre das schon mal klargestellt, Sarrazin hat sicher allen Grund zu guter Laune. Denn auch sein neues Buch „Der neue Tugendterror“ wird garantiert wieder einen soliden Bestseller abgeben, wenn auch sicher nie wieder so wie damals, als „Deutschland schafft sich ab“ lange die Verkaufslisten dominierte.

Auch die Gretchenfrage lässt nicht lange auf sich warten: wie denn grad der letzte Stand in Sachen SPD ausschaue? Der fühle er sich weiter zugehörig, das Godesberger Programm könne er nach wie vor hundertprozentig unterschreiben, „das mit der Kernkraft mal ausgenommen“, antwortet Sarrazin. Andererseits, ach ja, die Frage nach der AfD, nun, er sei schon der Ansicht, dass da in der Spitze mehr Sachverstand beisammen sei als in der SPD. Das bleibt so stehen, vibriert nur ein wenig nach wie ein Messer, das jemand in den Tisch gestochen hat.

Thilo Sarrazin, seine Frau und sein Buch
Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht beendet.Weitere Bilder anzeigen
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21.01.2011 18:02Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht...

Sarrazins Auseinandersetzung mit den Medien

Die Presseveranstaltung im Haus der Bundespressekonferenz war die erste öffentliche Vorstellung des neuen Buchs von Sarrazin. Sie begann mit einer Art Rezension durch den konservativen Medienwissenschaftler Hans-Matthias Kepplinger, auf dessen Erkenntnisse sich auch Sarrazin gelegentlich beruft. Er nannte das Buch „eine einzigartige Dokumentation der reziproken Effekte der Medien, nämlich ihrer Wirkung auf diejenigen, über die sie berichten“.

In der Tat hat Sarrazin da allerhand erlebt: Seine Auseinandersetzung mit denen, die er als die Hohepriester des Tugendterrors sieht, füllt 68 Seiten und damit gut ein Fünftel des Buchs. Welten liegen in der Tat bisweilen zwischen dem, was er geschrieben hat und dem, was er geschrieben haben soll, und vieles bleibt auch in der Gefühlsebene stecken, offen für jegliche Interpretation: Ist es legitim, vom „deutschen Volkscharakter“ zu sprechen, wo dies doch ein Schlüsselbegriff der extremen Rechten ist? 

Fast die Hälfte des Buches aber hat Sarrazin den „14 Axiomen des Tugendwahns in Deutschland“ gewidmet, Sätzen wie „Ungleichheit ist schlecht, Gleichheit ist gut“. Kepplinger lieferte gleich auch die Kritik an diesen Sätzen mit: Sarrazin unterscheide dabei nicht zwischen weithin akzeptierten Überzeugungen und „extremen Außenseitermeinungen, die sich selbst und damit den Kontext diskreditieren“. In anderen Worten: Manch Pappkamerad wird hier zu aufwendig unter Beschuss genommen.

Kritik am „marodierenden Gleichheitsbedürfnis”

Thilo Sarrazin ließe sich von derlei Einwänden nicht irritieren. Für ihn liegt der entscheidende Sündenfall in der Fixierung der überwiegend linksgrün orientierten Journalisten auf den Gleichheitsbegriff: Es gebe ein „marodierendes Gleichheitsbedürfnis“, sagte er, das wie eine Zerrbrille wirke und durch Moralisierung der Fragestellung eine Beschränkung von denkbaren und zulässigen Antworten erzwinge, welche „leicht das Hirn vernebelt“. Der Gleichheitswahn sei eine Religion, und wie alle Religionen leiste er nichts zur Erklärung der Wirklichkeit.

Aber: Darf einer, der Millionenauflagen erzielt und unentwegt im Fernsehen auftritt, die Einschränkung der Meinungsfreiheit beklagen? Nun, antwortet er, er verdanke es nur der Gegenbewegung seiner Leser, dass die Medien, „die zum Teil schon voll auf dem Vernichtungstrip waren“, da und dort noch eingeschwenkt seien. Am Grundtatbestand habe sich deshalb aber nichts verändert. Immerhin: Während mancher Auftritt von Thilo Sarrazin schon von erbosten Demonstranten gesprengt worden ist, blieb es am Montag vollkommen ruhig. Ob es um den großen Provokateur langsam etwas ruhiger wird?

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