Berlin : Thomas Dambier (Geb. 1955)

Er war doch eigentlich für mehr gemacht.

Anselm Neft

Mit seinem kleinen, roten R 4 kam er aus Frohnau zur Uni. Manchmal fuhr er abends wieder ins Haus der Eltern, manchmal blieb er bei Freunden. Dann setzten sie die Kartenspiele fort, die sie mittags im uninahen „WiSo-Keller“ begonnen hatten: Skat, Poker, Doppelkopf. Thomas Dambier konnte durchaus rechnen, wusste, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für eine Farbe war – aber dann ließ er sich auch hinreißen: Alles oder nichts, jetzt erst recht, das wäre doch gelacht!

Natürlich studierte er auch. Jura. Dabei ging er in manchem so in die Tiefe, dass das große Ganze hinten überfiel. Beim Arbeitsrecht wollte es Thomas ganz genau wissen und verbaute sich den Weg zum Examen. Wenn ihn ein guter Freund zur Rede stellte, ihm helfen wollte, den Perfektionismus durch Pragmatismus zu ersetzen, endete es immer gleich: Thomas hob die Hände und sagte: „Ich weiß, ich bin ein Arschloch.“

Kommilitonen erwarben Abschlüsse, neue Studenten kamen, Thomas Dambier rang noch immer mit der Juristerei oder, um es genauer zu sagen: mit sich. Längst fuhr er Taxi, verdiente nicht selten 120 Mark in der Nacht. Mit Ende 20 gab er das Studium schließlich auf, arbeitete als Versicherungsvermittler bei der Hamburg Mannheimer und als Wachschützer bei Siemens. Zufrieden war er nicht. Er war doch eigentlich für mehr gemacht.

Dank seiner Schwester kam er zur Stiftung Warentest, erst nur für einzelne Projekte, bald aber ganz. Der „Finanztest Leserservice“ wurde aufgebaut und Thomas Dambier zum Mann der Stunde. Hier konnte er zeigen, was er konnte: Jede Kundenfrage beantwortete er gewissenhaft und umsichtig, las sich ein immer größeres Wissen an und strahlte eine beruhigende Kompetenz aus. Mit seiner sonoren Stimme und telegenen Ausstrahlung war Thomas auch der Richtige, um den Finanztest in Radio und Fernsehen zu repräsentieren. Ohne zu zögern, sprach er druckreife Sätze in die Kamera. Als Experte im „Morgenmagazin“ oder beim ARD-„Buffet“ fühlte er sich sehr wohl.

Zu schaffen machte ihm seine wachsende Körperfülle. Er war einmal athletisch, ein guter Ruderer und hervorragender Skifahrer, doch er entwickelte eine große und folgenreiche Leidenschaft fürs Essen und fürs Trinken. Immer wieder versuchte er es mit Diäten: Mal gab es wochenlang Kohlsuppe, mal fand sich in seinem Kühlschrank nichts als Kuhmolke. Mit seinen Kollegen schloss er Wetten ab. Mal gewann er, mal verlor er, aber dauerhaft kam er den Pfunden nicht bei.

Gourmet und Gourmand – Thomas Dambier war beides. Gegrillte Garnelen, ein ordentliches Chateaubriand, dazu eine stattliche Anzahl Weizenbiere und all das am liebsten im Bischofshof in Regensburg, wo ihn Familie Schmalhofer als Freund des Hauses begrüßte. Organisierte er Reisen mit seinen Freunden, achtete er darauf, dass die Routen an Lokalen vorbeiführten, wo man gut und üppig auftischte. Nur selten griff er daneben, so wie damals in Paris, wo er ohne Französischkenntnisse eine Meeresfrüchteplatte bestellen wollte und „Poulet Grand-Mère“ verlangte. Das „Hühnchen Großmutter Art“ enttäuschte ihn sehr, ein „Lutschhuhn“ sei das! Er war erst zu beruhigen, als ein 80-jähriger Franzose an den Tisch trat und für die deutsche Runde Rilke-Gedichte aufsagte. So etwas konnte sein Herz besänftigen.

Emotional wurde Thomas auch beim Fußball. Sein Verein war der FC Bayern, sein Idol „der Titan“ Kahn. Als Klinsmann den Torwart nicht mehr für die Nationalelf aufstellte, hatte Thomas tagelang eine Saulaune. Der schwäbische Trainer war für ihn gestorben. Man musste ihn darauf ansprechen, schon verfinsterten sich seine Züge.

Manchmal schien er wie ein großer Junge. Frauen hob er aufs Podest, doch er schwärmte nur aus der Ferne. Wenn es ernst wurde, behauptete er, eh nicht gut genug zu sein – beziehungsweise, bei seinem Gewicht, viel zu viel.

Schließlich nahm er doch ab – beängstigend schnell. Da Thomas schon früh zur Hypochondrie neigte, nahmen seine Freunde die Beschwerden nicht ernst. „Seit ich dich kenne, hast du Leberkrebs“, sagte einer. Ein anderer hatte ihm schon vor Jahren im Scherz ein Kochbuch für Leberkranke geschenkt.

Diesmal war es ernst. Die Eltern, denen Thomas immer eng verbunden geblieben war, pflegten ihn bei sich zu Hause. Als sich eine kleine Runde alter Freunde in Frohnau einfand, riss er sich zusammen: wenigstens ein paar Poker- oder Würfelrunden, so wie früher. Aber gegen neun am Abend verließen ihn die Kräfte.

Welche Lücke er bei seiner Familie und seinen Freunden hinterlässt, war ihm selbst wohl nie bewusst. 

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