Berlin : Thomas Erbstößer (Geb. 1954)

Er war immer auf Reisen und kaum unterwegs

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Einige der größten Reisenden der Welt haben nie einen Schritt vor die Tür gesetzt, sie hatten die Welt im Kopf. Oder in der Kiste – wie Thomas. Dort hatte der Kleine mehr als hundert Radfahrer aufbewahrt, fein säuberlich aus Papier zugeschnitten, selbst bemalt und mit Startnummern versehen. So konnte er die Friedensfahrt nachfahren und die Tour de France, Begleitautos und Siegertribüne inklusive. Eishockeyspieler hat er ausgeschnitten und gesammelt und Fußballer. Sein Lieblingsverein? Werder Bremen, weil die nach einem 0 : 3 bei BFC Dynamo Berlin im Rückspiel noch mit 5 : 0 über den ungeliebten Hauptstadtklub gesiegt hatten.

Thomas sammelte Briefmarken aus aller Welt, akkurat vermerkte er, wann er damit begonnen hatte, am 7. 5. 1961, Radfahrer als bevorzugtes Motiv, versteht sich. Darunter blieb eine Leerzeile frei für den Tag, an dem er mit Sammeln aufhören würde.

Wahlhausen, ein kleiner Ort in Thüringen, den Zugreisende auf der Strecke Hannover-Bebra gut einsehen konnten, weil dort die Mauer nicht die Sicht auf die Stadt versperrte. Thomas wiederum konnte all die Züge zählen, die vorbeirauschten, ohne ihn, darunter besonders schöne wie der Silberpfeil. Fernweh!

Sein Großvater war Förster, sein Vater Schulleiter und Lehrer für Erdkunde, seine eigentlichen Erzieher aber waren Jules Verne und Karl May, die am weitesten gereisten Stubenhocker aller Zeiten.

Luftfahrttechnik hätte er gern studiert, zugelassen wurde er zum Studium des Verkehrswesens in Dresden. Thomas war nicht groß, aber er hatte das gewisse Etwas, und er trommelte in einer Combo, Rock-Band durfte man ja nicht sagen. Die Herzen flogen ihm zu, aber er traf früh die Frau seines Lebens, wurde Vater und Doktor: „Die Entwicklung der Verkehrsbeziehungen im Süden Afrikas seit den sechziger Jahren unter den besonderen Bedingungen der historischen Verknüpfung von Entwicklungsländern und rassistischen Staaten.“ Er saß in seinem kleinen Büro im Forschungsinstitut für Verkehrswesen nahe Friedrichstrasse, blickte auf die S-Bahn und fuhr in Gedanken in der Welt umher.

Er war auf Kuba und schrieb darüber im „Motor-Jahr“ den Artikel „Von der Carretera zur Autopista“. Er untersuchte den Verkehr in afrikanischen Städten, erkundete die Wege von „Bombay bis Manila“, er war in Südamerika unterwegs, auf Wüstenpisten und transkontinentalen Autobahnen. Er war immer auf Reisen, ein Weltreisender ohne Reisepass. Als die Mauer fiel, fand das ein abruptes Ende. Er wurde nicht länger gebraucht. Fortan verkaufte er Fenster und Türen, und er war gut darin, aber noch besser war er in der Küche. Im Eigenstudium hatte er sich das Kochen beigebracht und ging nun auf kulinarische Weltreise. Scampis und Muscheln und Krokodil, wenn er Familie und Freunde bekochte, wurde es oft exotisch. Und natürlich war er noch viel auf dem Fahrrad unterwegs, stationär allerdings, zu Hause auf dem Heimtrainer. Und im Weltraum, da kannte er sich aus, denn er las gern Science-Fiction.

2006 war es dann so weit, seine Tochter lud ihn nach Südafrika ein. Er sah endlich das Land, über das er so viel geschrieben hatte, und er liebte es. Der südafrikanische Salat, den er fortan zauberte, war die schönste Erinnerung daran.

Er war der beste Papa der Welt, da sind sich die Töchter einig, und der beste Ehemann, sagt seine Frau. Jeden Tag stritten sie sich und jeden Tag versöhnten sie sich wieder. Er ging ihr zuliebe zu George Michael, sie ging mit ihm zum Bruce-Springsteen-Konzert. Jeden Tag tauschten sie kleine Botschaften auf Zettelchen und pflegten ihre Kuscheltiere, der Hasenbär blieb bei ihm bis zum Schluss.

Er wollte noch einmal mit ihr nach Venedig. Dazu kam es nicht mehr. Aber wer kann schon wissen, wann die Reise wirklich zu Ende ist? „Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen …“ Vielleicht ist er ja an Bord, kocht für alle Mann und schreibt das Sterntagebuch. Gregor Eisenhauer

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