Berlin : Thomas Schultz (Geb. 1963)

„Ungerecht? Wieso? Man hat im Leben keinen Anspruch auf irgendwas.“

Gregor Eisenhauer

Wie oft muss man sich den Tod wünschen, bis er endlich eintritt? Thomas Schultz hat gern gelebt, aber als es nicht mehr ging, wollte er in Würde gehen. Das wurde ihm nicht leicht gemacht.

Als er es der Familie eröffnete, in einer Pizzeria in Koblenz, einfach so in die Runde hinein: „Ich bin schwul“, verschlug es dem Vater den Appetit, und die Mutter begann zu weinen. Das war es dann aber auch schon. Die Enttäuschung über die ausbleibenden Enkel hielt sich bald die Waage mit der Neugier auf das ganz andere Leben ihres Sohnes, das gar nicht so anders war. Er nahm sie mit zu seinem schwulen Stammtisch, stellte ihnen seine Freunde vor, brachte seinen Liebsten mit nach Hause.

Zuhause, das war ein Dorf im Sauerland – eine behütete Kindheit, eine Schwester, ein Bruder mit Segelohren wie er selbst, Ferienfreizeiten, in denen die Koffer erst gar nicht ausgepackt wurden, Messdienerpflichten, jeden Sonntag Kirche.

Thomas war altersgemäß melancholisch, schrieb Tagebuch, vergötterte Thomas Mann, verfasste Gedichte, darunter eins so anrührend, dass seine Schwester es auswendig lernte – obwohl er es nie wieder hören wollte. Er hatte eine Freundin damals, Karin, eine Elfe von Gestalt, die ihm das Stricken beibrachte.

Zu seiner Sexualität fand er im Studium, aber ihm blieb nicht viel Zeit, sie unbekümmert zu leben. Thomas Schultz war dreißig, als er erfuhr, dass er HIV- positiv war. Er wusste nicht, wer ihn angesteckt hatte, wollte es gar nicht wissen.

„Hoffentlich wird er 33. Hoffentlich wird er wenigstens so alt wie Jesus“, bat seine Mutter. Damals kursierten in den Medien Bilder von HIV-Erkrankten, die wandelnden Leichnamen glichen.

„War es das wert?“, fragte ihn seine Schwester. „Nein, aber es hat Spaß gemacht …“ „Findest du es nicht ungerecht?“ „Ungerecht? Wieso? Man hat im Leben keinen Anspruch auf irgendwas …, warum nicht der andere, der viel böser ist, viel blöder als ich? Das zu denken bringt nichts.“

Er war wie immer brillant in der Argumentation, und er hat so normal wie möglich weitergelebt. Ein Genussmensch, mit einem Faible für Exzesse – und für bürgerliches Einerlei: Samstag war der Tag, an dem man einkaufen geht, „Reichelt ruft!“, dann wird sauber gemacht zu Schlagermusik, Kino, abends die Freunde, Spieleabende, Bier, viel Bier. Er hat die Extreme gelebt, so gut es noch ging, reiste viel, fuhr viel zu schnell Motorrad, auf der Jagd nach immer neuen Horizonten.

Und er wurde Jurist, bei einer Bank, „Mutter Bank“, wie er sie nannte, weil er sich so aufgehoben fühlte im Kreis seiner Kollegen, denen er vertraute.

Vor zwei Jahren ging er in Frührente, immer noch zuversichtlich, immer noch voll Heiterkeit, den anderen zuliebe.

Er hob die Fäuste in Pfötchenstellung, bleckte die Zähne: „Wer ist das?“ Kopfschütteln des Freundes. „Na, Knut!“ Er legte sich ein Taschentuch auf den Kopf und faltete scheinheilig die Hände:

„Und wer ist das? … Der Papst!“

Thomas Schultz hatte keine Angst vor dem Tod, vor dem Jenseits, wohl aber vor dem Sterben.

Er bekam ein Karzinom im Oberkiefer, eine schwierige Operation, hoffnungslos, es völlig zu entfernen. Ein zweites auf der anderen Seite des Kiefers kam hinzu, dann war die Zunge betroffen, er konnte immer schlechter sprechen, kaum noch essen, wurde durch eine Sonde ernährt.

Er verbrachte noch einige Frühlingstage in Paris, fuhr mit einem Freund aufs Land, kaufte noch immer für die anderen Champagner ein, nippte selbst am Tee. Und wenn er doch einmal aufbrauste, weil ihm das Leid zu viel wurde, hat er sich im nächsten Augenblick geschämt.

Auf seiner Tour de Force durch die Krankenhäuser hatte er einen kleinen Teddy an seiner Seite, zusammengeflickt wie er selbst – denn immer wieder kam er zurück, aber irgendwann war Schluss. Als er nicht mehr sprechen konnte, wollte er auch nicht mehr leben.

„Über den Wolken”, den Tränenbringer, hatte er für die Beerdigung ausgewählt, und: „Show me the way to the next Whiskey Bar”. Gregor Eisenhauer

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