Berlin : Ticket-Affäre: Erneut Polizist versetzt

Als vierter Beamter musste jetzt der Leiter des Abschnitts 32 gehen. Kripo richtet Sonderkommission ein

Jörn Hasselmann

Die Eintrittskarten-Affäre bei der Polizei zieht weitere Kreise. Am Dienstag wurde der Leiter des Abschnitts 32 „aus dienstlichen Gründen“ strafversetzt. Damit trifft es den vierten hochrangigen Polizeiführer der Direktion 3 – und ausgerechnet den Beamten, der den Skandal erkannt und die Ermittlungen angestoßen hatte. Zudem wurde gestern im Polizeipräsidium eine Sonderkommission „Ticket“ eingerichtet, die gegen die vier Polizeiführer und zwei einfache Beamte ermittelt. Polizeipräsident Glietsch teilte mit, dass die Ermittlungen „ohne Rücksicht auf Amt und Funktion der Beschuldigten“ geführt werden. Nachteile haben die vielen Versetzungen: Die Vorbereitungen für die Fußball-WM seien stark behindert, klagen Mitarbeiter. Die Direktion 3 ist zum Beispiel für die Fanmeile auf dem 17. Juni verantwortlich.

Wie berichtet, hatte ein Sachbearbeiter des Abschnitts 32 in der Jägerstraße in Mitte über Jahre hinweg mindestens 200 Eintrittskarten bei Veranstaltern geschnorrt. Hartmut H. soll dabei auch Druck auf die Veranstalter ausgeübt haben. So soll er zuletzt beim Management von Classic Open Air am Gendarmenmarkt vier weitere Gratistickets gefordert haben und dazu sechs Karten fürs VIP-Zelt. Dies lehnte das Management ab und dachte sich nichts dabei – bis einen Tag später ein Fax einging. Darin drohte Hartmut H. mit einem Bußgeld – die Parkverbotsschilder für die Veranstaltung seien in diesem Jahr verkehrt aufgestellt worden.

Das wollte sich der Klassik-Veranstalter nicht bieten lassen, er informierte telefonisch den jetzt versetzten Leiter des Abschnitts 32. Dieser soll sich Minuten später bei den Veranstaltern persönlich entschuldigt haben. Unmittelbar danach begann die Polizei gegen den 57-jährigen H. zu ermitteln. Dass der Chef des Abschnitts, der die Affäre ins Rollen brachte, nun ebenfalls strafversetzt wurde, sei völlig „ungerecht“ und „lächerlich“, hieß es bei Kollegen. Offenbar hatte Hartmut H. seinen Vorgesetzten belastet. Karten soll der Polizeidirektor – anders als die zuvor versetzten Beamten – nicht angenommen haben. Was genau dem Polizeidirektor vorgeworfen wird, ist nicht bekannt. Im Präsidium wurde die vierte Versetzung mit der „konsequenten Linie des Präsidenten“ begründet, schon beim kleinsten Verdacht sofort zu reagieren. Die Staatsanwaltschaft hat nach Angaben eines Sprechers noch nicht entschieden, ob auch gegen die Nutznießer der Eintrittskarten Ermittlungen wegen Vorteilsannahme eingeleitet werden. „Das kann noch dauern.“ Bislang ermittelt die Justiz nur gegen Hartmut H.

H. selbst soll schon seit Mitte der 90er Jahre im Abschnitt 32 als „Sachbearbeiter Straßenverkehr“ viele kulturelle Großveranstaltungen betreut haben. Er habe ein regelrechtes „Spinnennetz“ aufgebaut und versucht, Vorgesetzte mit Gratiskarten zu imponieren. Dass er exakt Buch führte über die vergebenen Karten, werten Insider so: „Das macht die Vorgesetzten erpressbar.“ Nach Informationen des Tagesspiegels arbeitete H. früher beim Verfassungsschutz.

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