Berlin : Tiefflug auf vier Rädern

„Fun-Karts“ tauchen jetzt auf den Straßen auf. Sie sind bis Tempo 85 zugelassen. Der ADAC hält sie für „lebensgefährlich“

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Plötzlich wird der Skoda-Kombi auf der Uhlandstraße groß und immer größer. Jetzt wirkt er so hoch, dass man zu ihm hinaufschauen muss. Ein bedrohliches Ungetüm. Die Hände drehen nervös an dem winzigen Steuerrad, nur schnell ausweichen. Aber die Parkreihe rechts ist nah und wächst einem nun gleichfalls über den Kopf: So fühlt man sich im Schalensitz eines Gokarts im dichten Berliner Verkehr, mit dem Hintern nur ein paar Zentimeter über dem Asphalt.

Gokarts auf Berliner Straßen? Ein ungewohnter Anblick. Doch seit März dieses Jahres werden Miet-Gokarts an zwei Stationen in Wilmersdorf und Charlottenburg angeboten. Sie sind nach den Zulassungsregeln der Europäischen Union für „leichte vierrädrige Kraftfahrzeuge bis zu 350 Kilo Gewicht“ seit 2002 erlaubt. Der Automobilclub ADAC allerdings warnt vor dem neuen angeblichen Fahrvergnügen: „Wer damit in den Großstadtverkehr startet, begibt sich in Lebensgefahr.“

„Kart 4 You“ nennt sich die junge umstrittene Firma. Im Frühjahr 2005 bot sie erstmals in München gut 20 Miet-Karts an, inzwischen hat sie im Franchise-System in 18 bundesdeutschen Städten Niederlassungen. Ihre „Fun-Karts“ lässt sie in Taiwan bauen. Nach den Auflagen der EU-Zulassungsregeln, die vor vier Jahren ins deutsche Zulassungsrecht übernommen wurden, haben sie eine „ordnungsgemäße Beleuchtung, Rückspiegel, Bremsleuchten und weitere technische Einzelheiten, wie sie auch für große Wagen erforderlich sind“, heißt es bei der Berliner Zulassungsbehörde.

Helme oder ein Sicherheitsbauchgurt sind wahlweise vorgeschrieben. Die meisten Gokart-Fahrer starten deshalb ohne den ungeliebten Kopfschutz. 49 Euro plus 9 Euro Versicherung zahlen sie werktags für drei Stunden, am Wochenende zehn Euro mehr. Wer gleich mit dem eigenen Kart losfahren will, kann einen für 3500 Euro erwerben. Danach darf jeder Inhaber eines Pkw-Führerscheins Gas geben, angetrieben vom 9-PS-Zweitakter, laut wie ein knatterndes Moped. Spitze: 85 km/h. Schalten muss man nicht, das erledigt die Automatik. Aus „Sicherheitsgründen“ beschleunigt das zwei Meter lange und 1,12 Meter breite Gefährt langsamer als ein Auto, erklären die Vermieter. Außerdem untersagen sie einen Abstecher auf die Autobahn, obwohl ihre Gokarts dafür zugelassen sind.

Aber das erscheint selbst dem 32-jährigen Berliner Chef der „Fun-Kart“-Kette, Seyit Erdogan, zu riskant. Ansonsten aber sieht er keine Gefahren, sondern nur den „Spaßfaktor“. Seine 20 Gokarts, sagt er, seien permanent ausgebucht. Verunglückt sei bisher niemand. Das bestätigt die Berliner Polizei. Auch in München und Passau, wo die Karts schon seit 2005 zum Straßenbild gehören, gab es noch keine Unfälle.

Gleichwohl hält der ADAC diese zweite Generation der vierrädrigen Spaßmobile nach den „Quads“ mit ihren Ballonreifen für „eine Katastrophe“. Nur ein bisschen Gestänge schütze den Fahrer, sagt ADAC-Sprecher, Michael Pfalzgraf. „Es gibt keine Knautschzone, der Kart-Lenker ist durch seine tiefe Lage stark gefährdet. Er sieht ganz schlecht. Fährt er hinter oder neben einem Pkw her, ist er kaum zu erkennen – aus einem Lkw gar nicht.“ Da helfe auch die anderthalb Meter hohe Fahne nicht, die an manchen Karts wie an Kinderrädern montiert ist. „Das wirkt alles wie ein Spielzeug“, warnt Pfalzgraf, „kann aber ein riskantes Spiel sein.“ CS

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