Tiergarten : Weg mit der Ödnis am Kulturforum!

Was soll aus dem Kulturforum werden? Warum es nicht damit getan ist, ein paar Bäume zu pflanzen. Eine Polemik von Michael Cullen.

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Die leere Mitte füllen. Die Stadtentwicklungsverwaltung sucht nach Ideen zur Belebung des Kulturforums - und hat dazu einen...Simulation: Stadtplanungsamt

Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat Mitte Februar ein Konzept für eine „Zwischennutzung“ für das Kulturforum zwischen Neuer Nationalgalerie und Potsdamer Platz vorgestellt. Die wichtigsten Punkte sind: Bis 2012 soll eine Grünanlage mit Bäumen entstehen und an der Potsdamer Straße ein Info-Pavillon mit Café. Außerdem wird der Parkplatz vor dem Kammermusiksaal verschwinden und die Stichstraße für Autos gesperrt. Das Konzept hat unter Fachleuten Zustimmung gefunden, teilweise aber auch Widerspruch hervorgerufen. Der Historiker und Publizist Michael Cullen, der einst in Zusammenarbeit mit den Künstlern Jean-Claude und Christo die Reichstagsverpackung nach Berlin brachte, hält die Pläne für unzureichend und macht seinem Unmut über die Ödnis am Kulturforum Luft.

Essen Architekten? Trinken sie? Oder sind sie Roboter, die nur sehen und zeichnen? Bei der Betrachtung der Misere um das Berliner Kulturforum kommen mir starke Bedenken.

Nein, liebe Architekten und Architekturschriftsteller: Die Lösung des Problems „Kulturforum“ liegt nicht auf dem Zeichentisch, nicht in Sichtachsen, nicht in der Verbeugung vor Architekturen von August Stüler, Hans Scharoun, Ludwig Mies van der Rohe, Rolf Gutbrod, Hans Wischnewski oder Hillmer & Sattler. Eine allzu starre, beinahe devote Haltung ist mehr Problem denn Lösung.

Denn das Problem ist kein rein städtebauliches, dem man mit – wie der Masterplan von Hans Stimmann von 2004 gezeigt hat – Turmbauten, Eingangstoren und anderem zu Leibe rückt. Die Stilllegung der Sigismundstraße, gut gemeint, ist bestenfalls Kosmetik, schlimmstenfalls macht sie die Misere nur größer.

Bei dieser Diagnose hilft die Anamnese nicht weiter: Was sich die Architekten Scharoun oder Wischnewski dabei gedacht, gefühlt, gezeichnet haben, steht gebaut und sogar unter Denkmalschutz – es bleibt. Es war der Versuch, in einer kaputten europäischen Kulturstadt eine Landschaft zu bilden. Hat nicht Scharoun ohne Ironie die Zerstörungen des Bombenkriegs im Zweiten Weltkrieg als „mechanische Auflockerung“ gelobt? Hat nicht Paul Baumgarten den abgeholzten Tiergarten als Chance gesehen, Berlin baulich neu zu erfinden?

Ob das alles von Le Corbusier stammt, der Charta von Athen oder von den französischen Revolutionsarchitekten? N’importe! Es genügt, zu wissen, dass Mies van der Rohe die Anbindung der Neuen Nationalgalerie an den Landwehrkanal ebenso ablehnte wie die Nutzung des Skulpturengartens als Gaststätte. Und der erste Direktor der Neuen Nationalgalerie, Werner Haftmann (1968–1975) lehnte selbst Diskussionen über einen Ersatz für die vier Automaten für Kaffee und Süßigkeiten im düsteren Souterrain rundweg ab.

Einen Park an eine Straße zu legen, die 80 000 Fahrzeuge pro Tag befahren, ist ein Ding der Unmöglichkeit (und nicht wirklich nötig, weil der Tiergarten nicht weit ist). Auch möchte man nicht wissen, wie stark die Luftfilter der Sammlungen und Säle sein müssen, um die Milliardenwerte – nicht nur Kunstwerke, auch Musikinstrumente – der Museen zu schützen.

Also: Als Erstes muss man den Lärm reduzieren und die Luft verbessern. Lärm in der Potsdamer Straße reduziert man mit Flüsterasphalt und Tempolimit; Luft verbessert man, indem man Elektrobusse und andere nicht CO2-emittierende Fahrzeuge so weit wie möglich vorschreibt. Und man baut unterirdische Parkhäuser, um den Parksuch- und Quellverkehr zu reduzieren.

Nun zu den Menschen, die in die Galerien, Museen und Bibliotheken hineinwollen, die Musik hören wollen. Ja, manche Menschen kommen, um die ikonenhaften Häuser zu betrachten, aber die meisten wollen goutieren, was in diesen Häusern hängt, steht und liegt, oder hören, was in ihnen gespielt wird. In einem rauen Klima, wie es nun in Berlin trotz Erderwärmung herrscht, braucht man erstens Schutz vor des Wetters Unbill und zweitens die Möglichkeit, sich nach getaner Kulturarbeit zu stärken oder mit Freunden zu kommunizieren.

Dafür bietet das Kulturforum derzeit nur Trostloses. Kommen Sie mit den letzten Besuchern aus einer Ausstellung hinaus in die Berliner Kälte und suchen eine Möglichkeit, eine Suppe, einen Teller Spaghetti, ein Bier, einen Kaffee zu sich zu nehmen, dann haben sie Pech. Pustekuchen. Nichts da. Anders in Paris, oder New York, oder London: An jeder Ecke gibt es unweit der Kulturpaläste ein Restaurant. Unter dem Louvrehof, unter der Pyramide von Pei gibt es ein Dutzend Gaststätten, für den schnellen, kleinen oder weniger schnellen und großen Hunger.

Am Kulturform gibt es dagegen nichts, wenn man aus der Philharmonie oder dem Kammermusiksaal gegen 22 Uhr heraustritt. Dann bleibt nur, zum eigenen Auto zu marschieren und wegzufahren, um irgendwo nur einen Absacker zu genießen. Warum denken Architekten und Stadtplaner nicht an solch elementare Dinge?

Abgesehen von denen, die das Kulturangebot rezipieren, gibt es Hunderte – in den Museen, in den Bibliotheken, in den Konzertsälen –, die dort arbeiten, die das Angebot pflegen, betreuen, aufbereiten. Müssen nicht auch sie etwas variantenreich essen und trinken dürfen? Schließlich gibt es Leute, die auch in einer Mittagspause vielleicht Blumen oder Geschenke brauchen für Geburtstage und Feiern aller Art. Und vielleicht hat man einen Bleistift vergessen, oder braucht für die Kamera einen Akku oder eine Speicherkarte – und muss wieder weit weg rennen.

Das Kulturforum ist also extrem monofunktional und in dieser Hinsicht extrem unstädtisch. Es ist klar, dass es keine Zauberlösung gibt. Die Eigentümermischung aus privat, Kirche, Bund und Stadt bedeuten, dass die Verhandlungen kräftezehrend sein werden.

Es ist also Zeit, erst an die verschiedenen Nutzungen zu denken, um für sie dann adäquate Gehäuse oder architektonische Gebilde zu projizieren. Hierbei ist die Reihenfolge wichtig – die Prioritäten sind anders, als bisher gesehen.Erst einmal muss man die Bedürfnisse der dortigen Beschäftigten und der „Kulturkonsumenten“ herausfinden; da läuft es auf Gaststätten, Toiletten und dienenes Kleingewerbe hinaus. Erst dann kann die Diskussion mit den Planern und Architekten beginnen. Es gibt die Fachleute, die in der Lage wären, Architektur zu schaffen, die auch dienenden Charakter hat, ohne die Ikone zu zerstören.

Der erste Schritt ist also: herausfinden, was fehlt und herausfinden, was nottut.

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