Tierheime : Ausgesetzt am Bahndamm

Im Tierheim gab es wieder zahlreiche Neuzugänge – aber auch eine positive Überraschung: Es wurden mehr Tiere vermittelt als abgegeben. 1393 Tiere werden zurzeit im Heim und in Pflegestellen betreut, vor fünf Jahren waren es mehr als ein Drittel weniger.

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Schmusekater. Der elfjährige Miky findet ein neues Zuhause bei Henri Hiebendahl. 
Schmusekater. Der elfjährige Miky findet ein neues Zuhause bei Henri Hiebendahl. Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

BerlinJack ist ein Traum von einem Hund. Freundlich, aufgeweckt und verspielt läuft der Jack-Russel-Mix jedem entgegen. Halsband und Leine im Maul, schaut er herausfordernd mit klugen Augen, eine einzige Aufforderung zum Gassigehen. An seinem Halsband ist ein kleiner weißer Zettel befestigt, darauf steht: „Jack, 15.01.2009“. – Der frühere Besitzer war so fürsorglich, dem Hund Name und Geburtsdatum mit auf den Weg zu geben, bevor er den jungen Rüden in Spandau aussetzte. Dort wurde Jack am Silvestertag von Passanten gefunden und ins Berliner Tierheim nach Falkenberg gebracht.

„Es gibt über das Jahr viele unverständliche und traurige Fälle wie diesen bei uns“, sagt Marcel Gäding vom Berliner Tierschutzverein. Besonders grausam sei es aber, Tiere bei Minusgraden auszusetzen. Da ist neben Jack, der nach nur fünf Tagen im Tierheim vielleicht bereits Interessenten gefunden hat, die junge und bis auf die Knochen abgemagerte Terrier-Mix-Hündin, die am kalten 30. Dezember von Spaziergängern auf den Bahngleisen bei Erkner gefunden wurde. Oder die Katze, die jemand in Neukölln in einer Transportbox aussetzte, sowie der wenige Monate alte Jack-Russel-Terrier, der sich einen Tag nach Weihnachten in klirrender Kälte allein am Ostbahnhof wiederfand.

Doch obwohl um den Jahreswechsel herum viele Fundtiere ins Tierheim kamen, kann Gäding eine überraschend – wenn auch noch vorläufige – positive Bilanz ziehen. Denn erstmals sind zwischen dem 27. Dezember und 5. Januar mehr Tiere vermittelt als abgegeben worden: Bis Mittwoch musste das Tierheim 155 neue Tiere aufnehmen, demgegenüber fanden aber 249 Tiere ein neues Zuhause, darunter 118 Katzen. „Es sieht so aus, als ob unser intensiver Appell aus den letzten Jahren, Tiere nicht zu Weihnachten zu verschenken, langsam Früchte trägt.“ Wer dennoch gern ein Tier schenken möchte, hat außerdem seit drei Jahren die Möglichkeit, einen Gutschein des Tierheims unter den Weihnachtsbaum zu legen. So kann sich der Beschenkte – so er denn möchte – nach den Feiertagen in Ruhe und seinen Bedürfnissen entsprechend einen neuen tierischen Hausgenossen aussuchen. Allein von Montag bis Mittwoch konnten 69 Tiere vermittelt werden. Allerdings kann die erfreuliche Zwischenbilanz nicht darüber hinwegtäuschen, dass Berlin ein großes Problem mit heimatlosen Tieren hat. 1393 Tiere werden zurzeit im Heim und in Pflegestellen betreut, vor fünf Jahren waren es mehr als ein Drittel weniger. Vor allem die Hundehäuser sind mit derzeit 311 Tieren stark überbelegt, oft müssen drei oder vier Hunde in einer Box leben. Viele Kampfhunde sind hier jahrelang untergebracht. „Eigentlich sind unsere Kapazitäten auf maximal 200 Hunde beschränkt”, sagt Gäding. Unter den Tieren sind viele gesundheitlich eingeschränkte, alte oder „Listenhunde“, deren Besitzer besondere Auflagen erfüllen müssen. Aber es gebe auch immer noch „viel zu viele Menschen, die denken, dass Tierheimhunde einfach eine Macke haben müssen“, so Gäding. Dabei sei häufig das Gegenteil der Fall: Ein Hund „aus zweiter Hand“ sei, anders als ein Welpe, meist stubenrein, höre aufdie Grundkommandos und sei an Menschen gewöhnt. „Wir erleben oft, dass Besucher mit dem Wunsch nach einem jungen Tier zu uns kommen und mit einem ausgewachsenen, erfahrenen Hund glücklich nach Hause gehen.“

Terrier-Mix Jack wurde am 31.12. in der Kälte zurückgelassen.
Terrier-Mix Jack wurde am 31.12. in der Kälte zurückgelassen.Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

So könnte es auch kommende Woche bei Flocky sein, dem blinden und krebskranken Pudel. Er gelangte zu einiger Bekanntheit, weil sein Besitzer einen Freund bat, das Tier bei der Polizei abzugeben – aber zu sagen, er habe das Tier angebunden im Park gefunden. „Flocky hatte noch eine Blasenentzündung, aber ab Montag arbeiten wir die Liste mit mehr als 20 Interessenten ab“, sagt Gäding.

Die Hiebendahls aus Pankow gehören zu den seltenen Besuchern, die sich von vornherein für ein älteres Tier interessieren. Sie suchen für den Großvater Henri einen etwa achtjährigen Kater. „Mein Vater ist nicht mehr der Jüngste, und er wünscht sich ein ruhiges Tier zur Gesellschaft“, sagt Sohn Klaus-Dieter. Der letzte Kater stammte ebenfalls aus dem Tierheim; im stolzen Alter von 17 Jahren musste er eingeschläfert werden. Bald schon werden die Hiebendahls im „Seniorenhaus“ fündig: Der elfjährige Miky hat es ihnen angetan, verschmust lässt sich das Tier lange kraulen und geht bereitwillig in die Transportbox. Und obwohl deren Tür offen steht, will er partout nicht mehr hinaus. „Musst du auch nicht, Miky. Deine nächste Station wird unser Wohnzimmer sein“, sagt Großvater Henri. Sein Gesicht leuchtet, als sein Sohn die Box samt Kater vorsichtig zum Auto trägt.

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