Berlin : Tierisch verwahrlost

Thomas Loy

Kater Hansi leidet unter Niereninsuffizienz. Liegt tagein, tagaus auf seinem Krankenlager. Wahrscheinlich nicht mehr viel zu machen. Kommt vom langen Leben auf der Straße, als "Draußen-Katze". Klar, wie bei den Obdachlosen, sage ich. Ja, ja, säuselt der Katzenvater gedankenverloren. Für Obdachlose interessiert er sich nicht so speziell. Der Pankower hat schon genug zu tun mit Mori, Fritzi, Mausi (ehemals Fauchi), Schecki, Mecki, Matzi, Pitti und Kiri und den anderen verstoßenen Existenzen mit den immer gleichen Biographien tierisch-sozialer Verwahrlosung: geboren in einem dunklen zugigen Keller. Der Vater ein Herumtreiber, die Mutter kaum in der Lage, sich selbst zu ernähren. Da wird Not und Elend gleich mitgeboren. Klarer Fall für den Katzenvater.

Hinter dem China-Restaurant in der Pankower Ossietzkystraße wartet schon Morchen, eine etwas pummelige alte Dame. Pünktlich um 15 Uhr an jedem Tag serviert Hans-Joachim Fiering ihr in einem alten Regal eine warme Mahlzeit aus der Dose. Der Futternapf, eigentlich eine Untertasse, steht auf einem Werbeschild von "Hanold Menü-Service". Das ist aber nur Zufall, sagt Fiering. "Det sind wir nich." Da springen schon Mausi, die Schwarze mit dem Schnauzbärtchen, und Schecki, die schwarzgrau Gescheckte, um seine Beine. Beide ebenfalls wohl genährt, doch der Katzenvater weist jede Verantwortung von sich. "Wenn sie füllig wirken, ist das nur der Winterspeck." Außerdem sind sie alle kastriert. Fiering hat gute Kontakte zu den benachbarten Tierärzten. Die Behandlung bekommt er umsonst, muss nur die Medikamente zahlen.

Vor 11 Jahren war es, als sich Hans-Joachim Fiering endlich seinen Kindertraum von einer Kuschelkatze erfüllte. Da war er schon pensioniert. Die Kuschelkatze "Pünktchen", eine reine Drinnen-Katze ohne jeden Bezug zur rauen Wirklichkeit auf der Straße, bekam natürlich alles, was die Kleintierfutterindustrie hergab. Mit prall gefüllten Tüten kamen die Fierings auf dem Weg von der Kaufhalle jedes Mal an einem sozialen Brennpunkt vorbei: Auf dem Müllcontainer-Platz hinter dem China-Restaurant stibitzten sich ausgemergelte Draußen-Katzen durchs Leben. Und das Mitleid befahl den Fierings, eine Futterdose für die Armen zu spenden. Dann ließ das Gewissen nicht mehr locker: Was ist an den Tagen ohne Futterkauf?, fragte es. Lässt man die armen Tiere dann einfach hungern? Also raus, um Entwicklungshilfe zu leisten. Fiering baute Holzverschläge, verteilte Futter und bot ärztliche Versorgung. Um 14 Katzen kümmert er sich heute. Erst protestierten einige Anwohner gegen das systematische Aufpäppeln, aber Fierings Kastrationskampagne brachte die Kritiker zum Schweigen. Der Katzenvater stoppte die teuflische Spirale von Fortpflanzen, Herumstreunen und vorzeitigem Ableben - zumindest in seinem Revier. Ein "furchtbarer Zustand" war das, sagt Fiering. "Jetzt hat alles seine Ordnung." Mausi und Schecki bekommen ihre Ration am Hintereingang zur Sparkasse in der Wolfshagener Straße. Fiering mixt individuelle Menüs aus einem Sammelsurium von Dosen und Schachteln, die er in seiner schwarzen Sporttasche mit sich herumträgt. Pummelchen und Sissi werden in ihrem Körbchen-Kisten-Bungalow unter einem Balkon in der Pestalozzistraße versorgt. Die Mieter "tolerieren das", sagt Fiering vorsichtig. Mit der Katzenversorgung - einschließlich kleinerer Reparaturen an den Behausungen - bringt er gut zwei Stunden am Tag zu. Urlaub und Wochenende gibt es für ihn nicht mehr. Wer soll ihn denn vertreten, als Katzenvater? Wieder zuhause, lugt Hansi, das Sorgenkind, aus dem Kellerfenster. Sein Miau klingt etwas blechern. Hansi ist der Sohn von Mohrchen, quasi aus erster Ehe. Vom leiblichen Vater fehlt jede Spur. Ein hartes Schicksal - sowas wird es in Fierings Revier nicht mehr geben.

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