Berlin : Tierische Ethik

Steffen Kraft

Verstößt es gegen die Würde eines Käfers, wenn ihm ein Schlagersänger den Kopf abbeißt? Nein, meint der Rechtsphilosoph Norbert Hoerster. Da Tiere keine Würde besäßen, könne sie auch niemand verletzen. Sein Buch „Haben Tiere eine Würde?“ entlarvt die Leichtfertigkeit mit der bisher über Tierethik diskutiert wird. Der Positivist Hoerster setzt auf die Abwägung der Interessen von Mensch und Tier. Das ergibt, dass der Mensch dem Käfer seinen Kopf und der Henne ihren Auslauf lassen sollte.

Bestürzend erscheint allerdings seine Rechtfertigung für das Töten von Nutztieren. Diese hätten kein Überlebensinteresse, weil sie prinzipiell keine „Wünsche hinsichtlich eigener zukünftiger Erlebnisse“ haben könnten. Das trifft für geistig behinderte Babys ebenfalls zu. Um Kindsmord ethisch vom Schlachten eines Ferkels zu scheiden, konstruiert Hoerster waghalsig: Das Lebensrecht des Kindes ergebe sich aus dem selbstlosen Interesse der Erwachsenen. Ungewollt lädt sein Buch nun Vegetarier ein, sich zu radikalisieren: Wenn aus uneigennützigen Interessen die Schutzwürdigkeit anderer abgeleitet wird, müssen lediglich viele Menschen für Tiere kämpfen. Hoersters Leistung besteht in der Enthüllung des Skandals, dass die Philosophie die Grundfragen der Tierethik bisher nicht annähernd befriedigend beantwortet. Sein Versagen zeigt sich darin, dass dies auch für seine eigene Theorie gilt.

Norbert Hoerster: Haben Tiere eine Würde? Grundfragen der Tierethik. C.H. Beck, München. 108 S., 9,90€.

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