"Ties"-Studie : Migranten werden langsam deutscher

Eine vom Berliner Senat vorgestellte Studie sieht bei der zweiten Generation von Einwanderern deutliche Integrationserfolge. Zum Thema Homosexualität will der Senat neue Aufklärungsprojekte starten.

Lars von Törne

Junge Berliner aus Einwandererfamilien, die in Deutschland aufgewachsen sind, sind ihren deutschen Altersgenossen in mancher Hinsicht ähnlicher, als das noch bei ihren Eltern der Fall war. Das geht aus einer Studie hervor, die am Montagabend im Roten Rathaus vorgestellt wurde.

So ist der Anteil der Angehörigen der zweiten Einwanderergeneration aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien, die einen Kindergarten besucht haben, mit knapp 80 bzw. fast 90 Prozent inzwischen fast so hoch wie der der deutschen Vergleichsgruppe mit ebenfalls fast 90 Prozent. Das geht aus der Studie hervor, die das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück erarbeitet hat.

Auch haben die Forscher ermittelt, dass zwar einerseits nach wie vor eine knappe Mehrheit der türkischstämmigen Migranten in ärmeren Stadtvierteln lebt, aber zugleich nähert sich die Zahl der türkischen und jugoslawischen Berliner in „Mittelschichtsvierteln“ mit knapp 40 bzw. über 50 Prozent langsam ebenfalls dem deutschen Durchschnitt von 60 Prozent an.

„Das sind sichtbare Zeichen der Integration und des Angekommenseins“, sagt Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke) bei der Präsentation der Studie. Darin diagnostizieren die Forscher auch eine „relativ gute Integration der zweiten Generation“ bei Bildung und Ausbildung. Als „zweite Generation“ sind Kinder von eingewanderten Eltern definiert, die in Deutschland geboren wurden und die Schule besucht haben. Für die internationale „Ties“-Studie („The Integration of the European Second Generation“) wurden rund 800 Berliner zwischen 18 und 35 Jahren befragt, von denen rund je ein Drittel einen türkischen, einen ex-jugoslawischen und einen deutschen Familienhintergrund hat. Zu der in der Studie diagnostizierten Annäherung passt eine Zahl, die Innensenator Ehrhart Körting (SPD) am Montag bekannt gab: Von 51 Regierungsinspektoren, die bald in den gehobenen Dienst der Verwaltung einsteigen, haben elf einen Migrationshintergrund.

Deutliche Unterschiede stellten die Ties-Forscher bei der Schulbildung fest. So besuchte der größte Teil der türkischstämmigen Befragten die Hauptschule (38,3 Prozent), bei den Jugoslawen liegt der Anteil der Realschüler am höchsten, bei den Deutschen war das Gymnasium die am häufigsten besuchte Schulform. Noch weiter gehen die Zahlen auseinander, wenn man sich anschaut, wer die Hauptschule ohne Abschule verlässt: Bei den deutschen Befragten sind es 6,1 Prozent, bei den Türken 15,5 Prozent und bei den Jugoslawen 21,4 Prozent.

Beim Thema Homophobie, das in letzter Zeit in Zusammenhang mit Integration diskutiert wurde, kündigte Sozialsenatorin Knake-Werner am Montag eine neue Initiative an. Um auf die unter Migranten stärker verbreitete Ablehnung schwuler und lesbischer Lebensweisen zu reagieren, wolle das Land Aufklärungsprojekte starten, sagte Knake-Werner mit Blick auf eine an diesem Dienstag stattfindende Fachtagung zum Thema Homophobie. Sie wies darauf hin, dass Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit auch unter Deutschen verbreitet ist und Studien zufolge jeder zweite Deutsche Homosexualität ablehnt. Erst kürzlich wurde auf einer rechtsextremen Berliner Website ein Hetzartikel entdeckt. Gegen die Website hat die Linke-Politikerin Evrim Baba Anzeige wegen Volksverhetzung gestellt. Zum Thema Homophobie und muslimische Organisationen gibt es am Mittwochabend eine Podiusmdiskussion des Lesben- und Schwulenverbandes, ab 19.30 Uhr im Schwulenzentrum Schwuz, Mehringdamm 61, Kreuzberg.

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