Berlin : Till Reiter, Schuhproduzent

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Von dort oben kann er die eigenen Wunderlatschen an seinen Füßen kaum sehen. Einsachtundneunzig misst der Mann aus Wien, der die Schuhmanufaktur Ludwig Reiter nun in der 4.Generation führt. „Eine sichere Adresse für den Schuhfetischisten, der es klassisch mag“, heißt es im Internet. Längst hat es sich herumgesprochen, dass hier noch Schuhe in alter Handwerkstradition „gebaut“ werden. 30000 Paar im Jahr, alle in der Werkstatt in Wien von rund 100 Händen hergestellt, aus Leder von österreichischen oder bayrischen Viechern. Letzte Woche hat er sein zweites Geschäft in Berlin am Kurfürstendamm eröffnet. Die Fasanenstraße, in der es schon einen LudwigReiter-Laden gab, bringt es nicht mehr, meint Till Reiter. „Dort ist eine trübsinnige Stimmung aufgekommen“, und deshalb wird er das Geschäft dort wohl ganz schließen.

Berlin ist ein Standort von zwanzig in Europa zwischen Kampen und Klagenfurt. An Berlin glaubt er, obwohl viele aus der Branche vor der Stadt zurückschrecken. Zu wenig Kaufkraft, müdes Wachstum. „Das ist zu kurz gedacht“, spricht er sich selber Mut zu. Berlin ist ihm sympathisch, sei „eine Kür“. Viele Ähnlichkeiten mit Wien stellt er fest. Man nimmt hier vieles – und auch sich selbst nicht so ernst. Eine gewisse Fähigkeit zur Selbstironie hätten die Wiener und die Berliner gemeinsam.

Sein mittlerweile gut 10 Millionen Euro-Geschäft betreibt der Volkswirt und Absolvent der Wiener Wirtschaftsuniversität mit einer „erweiterten grünen Philosophie“ im Kopf, was und wie man produziert. Alles im eigenen Lande mit regionalen Zutaten aus natürlichen Materialien herstellen. Die Mitarbeiter „wertschätzen“ und ordentlich entlohnen. Die Entfremdung von Kapital und den Produkten überwinden.

Das klingt idealistisch. Aber der Mann steht mit beiden Beinen im Leben. Rugby-Spieler war er mal, ein „anstrengender etwas störrischer Schüler“, aber mit „sehr guten Noten in den wichtigen Fächern wie Mathe oder Latein“. Während die anderen mit Euro-Rail durch Europa gereist sind, hat er Geld als Fahrer von Lkw in die Türkei, in den Irak und nach Saudi-Arabien verdient – und dabei enorm viel gesehen und erlebt. Bratsche und auch Geige hat er gespielt.

Seine Frau macht das Design im Hause Ludwig Reiter und kümmert sich um die beiden Teenager-Töchter. Ein Bruder, ein Architekt, zeichnet für die Gestaltung der Läden verantwortlich, der andere ist als Prokurist im Unternehmen aktiv. Die Ferien verbringen die Reiters in ihrem alten Bauernhof. Zurück zur Natur – auch jetzt nach den Tagen in Berlin – mit Frau und den beiden Töchtern. Jean-Jacques Rousseau auf Reiter-Sohlen.

Heik Afheldt war Herausgeber von „Handelsblatt“, „Wirtschaftswoche“ und dem Tagesspiegel.

Till Reiter ,

geboren am 16.Juni 1961 in Wien.

Diplom-Volkswirt und

Geschäftsführender Gesellschafter

der Ludwig Reiter Schuhmanufaktur mbH, Wien

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