• Tippen, stöpseln, löten: Im Trainingslager der Computer-Knacker Die Hacker-Szene tagt im Haus am Köllnischen Park

Berlin : Tippen, stöpseln, löten: Im Trainingslager der Computer-Knacker Die Hacker-Szene tagt im Haus am Köllnischen Park

und übt den virtuellen Einbruch in fremde Netze

Christian Hönicke

„Hast du einen Laptop dabei?“ „Nein.“ Ungläubiges Kopfschütteln am Einlass des Hauses am Köllnischen Park. Schließlich findet hier der 19. Kongress des Chaos Computer Clubs statt. Hacker aus aller Welt treffen sich hier, und einen Computer hat fast jeder dabei. Entsprechend voll ist es im Hackcenter, dem Herzstück des Kongresses. Über zwei Etagen reiht sich Maschine an Maschine, Hacker an Hacker. Bloß gut, dass man Elektrosmog nicht sehen kann. Wer hier keinen Platz mehr gekriegt hat, setzt sich ins Treppenhaus, den Laptop auf dem Schoß. Oder macht es wie die Insassen des Busses draußen auf der Straße: Aus der Fahrertür führen zwei Kabel ins Haus.

In den wenigen freien Ecken im Hackcenter liegen die Opfer der letzten Nacht in ihren Schlafsäcken, umrahmt von leeren Bierbüchsen, beschallt von Techno-Musik und klappernden Tasten. Miteinander gesprochen wird selten, normalerweise schieben sich die Hacker einfach Dateien zu. Die entspannte Atmosphäre erinnert an einen holländischen Coffeeshop, nicht nur, weil sich ein sanfter Hanfgeruch über Mäuse und Tastaturen erhebt. Doch die kryptischen Abkürzungen und Zahlenkombinationen an den Wänden erinnern daran, dass hier nicht Amsterdam ist. Eine Treppe führt hinunter in die Dunkelheit, in die zweite Ebene des Hackcenters. Hier, wo die Tageszeit nicht einmal mehr zu erahnen ist und die Gesichter nur noch von den Bildschirmen erhellt werden; hier sitzen die wahren Hacker. Die Freibeuter des Cyber-Zeitalters, die in Firmen- oder Staatsnetze eindringen.

Fotografieren ist verboten, schließlich ist das hier alles andere als legal. Wer von den meist männlichen Wesen im heiratsfähigen Alter mit bequemen Pullovern und Jeans oder Cargo-Hose gerade im Pentagon-Rechner ist oder nur seine E-Mails liest, lässt sich unmöglich sagen. Über die Bildschirme flackert stets nur ein nichtssagendes Gewirr aus Zahlen und Buchstaben. Auch bei Hendrik, der zum fünften Mal dabei ist. Er hat einen Server aufgebaut, den die anderen für die Verbreitung von meist nicht legalen Dateien nutzen. „Das Beste am Kongress ist aber, dass man hier die Leute sieht, die man sonst das ganze Jahr über nur im Chat trifft“, sagt er. „Das sind Leute, die die gleichen Interessen haben.“ Sie kommen nicht nur aus Chemnitz oder Hamburg, sondern auch aus Österreich, Holland und Frankreich.

Jan aus Kiel spielt seit zwei Uhr morgens ein neues Betriebssystem auf. Das hätte er natürlich auch zu Hause machen können, „aber hier kann man viel lernen, vor allem von den richtigen Programmierern“. Computerei braucht Zeit. Man hilft sich, vor allem dabei, den Rechner immun gegen Angriffe von außen zu machen. Das ist auch nötig, denn ein ungeschützter Rechner auf einem Hacker-Kongress ist virtueller Selbstmord. Außerdem werden alle geknackten Passwörter von Kongressteilnehmern auf einer Leinwand präsentiert.

Ein Pranger für unaufmerksame Computerfreaks. Im letzten Jahr hat es Christian erwischt, zweimal hintereinander. „Das ist schon peinlich“, sagt er. Diesmal passiert ihm das nicht mehr. Er hat sich beraten lassen und Vorträge gehört zu Themen wie „Chipkarten und Überwachung“ oder „Die fünf Pforten der Manipulation“.

Das Obergeschoss der Kongresshalle gehört den Fingerfertigen. Im Labor wird von Lego-Bausteinen bis zu Funkgeräten alles verwertet, was sich irgendwie löten, schrauben und an einen Computer stöpseln lässt. Zwei Türen weiter dürfen Hacker ihre Knackerqualitäten im realen Leben testen. Bei den Deutschen Meisterschaften im Schlossöffnen treten Mannschaften gegeneinander an. Wer als Erster die Schlösser des Gegners aufgebrochen hat, ist eine Runde weiter. Einst stolze und teure Sicherheitsschlösser werden in kürzester Zeit reihenweise unbrauchbar gemacht. In der Diziplin Vorhängeschlösser brauchen die Sieger im Finale 21 Minuten – für sieben Schlösser. Für die Verlierer bleibt nur fleißiges Trainieren: Die Aufbauskizzen der Schlösser hängen an der Wand. Und das Einsteiger-Schlossknacker-Set gibt es hier schon für 35 Euro zu kaufen.

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