TIPPS DER POLIZEI : „ Gesellschaft funktioniert nur mit Zivilcourage“

Was bringen Sie den Menschen in Ihren Veranstaltungen bei?

Erstens: die Polizei anrufen und sich dann als Zeuge zur Verfügung stellen. Wichtig ist es auch, sich mit anderen zusammenzutun, die die Situation mitbekommen haben. Gemeinsam kann man potenzielle Opfer leichter aus der Gefahr herausbringen. Manchmal bietet es sich an, Hilfsmittel zu nutzen, zum Beispiel in der U-Bahn die Notbremse ziehen. Zuweilen reicht es aber auch, etwas zu sagen.

Das hört sich erstmal nicht so schwer an.

Das Problem ist, dass wir alle relativ selten in gefährliche Situationen kommen. Die Menschen sind also kaum vorbereitet und denken erst in dem jeweiligen Moment daran, was sie tun könnten. Das wollen wir ändern.

Wie verlaufen solche Situationen?

Jeder Vorfall ist anders. Dementsprechend gibt es eine Art Baukasten an Möglichkeiten, wie man als Anwesender reagieren kann. Wir empfehlen, sich nicht an den Täter, sondern an das Opfer zu wenden. Man kann die Person direkt ansprechen: „Los, weg hier!“ oder „Komm her, hier bist du sicher!“ So vermeidet man, direkt in das Visier des Täters zu gelangen und selbst zum Opfer zu werden. Das ist allerdings keine Lösung, wenn bereits mehrere Täter auf jemanden einprügeln.

Was ist dann zu tun?

Sofort aus der Entfernung die Polizei rufen, und das auch laut den Tätern mitteilen. Möglichst andere Menschen einbinden und Aufgaben verteilen, etwa „Sie rufen jetzt schon mal die Polizei, und ich versuche, hier vor Ort Hilfe zu holen.“ Das Schwierigste ist, die Initiative zu ergreifen. Jeder wartet auf den anderen, und letztlich passiert dann gar nichts.

In den vergangenen Tagen haben viele mutige Menschen in Gewaltsituationen eingegriffen – und waren dann selbst in Gefahr. Kann man Zivilcourage überhaupt guten Gewissens empfehlen?

Ja. Unsere Gesellschaft funktioniert nur mit Zivilcourage. Deshalb geben wir ja auch Kurse, um Menschen in ihrem Verhalten zu schulen. Viele greifen selbst ein, das kriegen wir in unseren Veranstaltungen mit. Nur, wenn Leute effektiv helfen, passiert ja nichts. Das ist dann keine Meldung wert.

Das Interview führte Christina Kohl.

Georg von Strünck

arbeitet beim Landeskriminalamt der Polizei und leitet eine Abteilung, die für Gewaltprävention zuständig ist. Bürger können bei ihm Kurse belegen.

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