Berlin : Tisch und Theke: Restaurant "Am Dolgensee": Brandenburger Wild, garantiert harmlos

Claus-Dieter Steyer

Die Chancen auf einen gemütlichen Abend mit alten Geschichten aus dem Palast der Republik schienen günstig zu sein. Im südöstlich Berlins gelegenen Restaurant "Haus Dolgensee" herrschte nur wenig Betrieb. Das neblige Wetter an diesem Abend lud auch nicht gerade zu einer längeren Tour über die Dörfer ein. Selbst die unmittelbar am Haus vorbei fließende Dahme verbreitete einen gespenstischen Eindruck. Wo noch vor wenigen Wochen reger Bootsverkehr in und aus Richtung Scharmützelsee herrschte, spiegelte sich jetzt nur eine einsame Laterne auf dem Wasser.

Roland Albrecht, Chef und oft auch Koch im "Haus Dolgensee", hatte Zeit und Muse für einen längeren Plausch. 95 Prozent seiner Gäste kommen aus Berlin. Das sei wie so oft Fluch und Segen zugleich, meint er augenzwinkernd. Im Sommer brumme das Geschäft dank der vielen Ausflügler. Dagegen blieben die Großstädter in der kalten Jahreszeit lieber zu Hause oder nur am Wochenende unterwegs. Deshalb öffnet das Restaurant derzeit nur freitags bis sonntags. Einheimische Gäste machen sich immer noch rar. Sie zieht es lieber in die angestammte Dorfkneipe als zu den Berlinern.

Ein Drei-Gänge-Tagesmenü kostet bei den Albrechts 39 Mark, mit Getränken - Wein, Mineralwasser und Kaffee - einen Zehner mehr. Die Karte bietet vor allem eine Auswahl von Gerichten aus heimischen Zutaten. Dazu gehört das Ragout vom Brandenburger Wild mit Pilzraviolis und Quittenkompott für 28 Mark - garantiert BSE-frei. Ebenso empfehlenswert sind der in Berliner Weiße geschmorte Dolgensee-Aal mit Butterkartoffeln (26 Mark) und der auf der Haut gebratene Dahmezander auf getrüffeltem Spitzkohl für 28 Mark. Aus Topf und Pfanne gibt es unter anderem einen gebeizten Hischkalbsrücken mit kalt gerührten Preiselbeeren und Gnocchi oder eine rosa gebratene Barbarie-Entenbrust mit Balsamicogemüse zu jeweils 28 Mark.

Erfreulich vielfältig fällt das Weinangebot aus. Zum Glück muss sich kein Gast selbst von den guten und teuren Sorten gleich eine ganze Flasche bestellen. Roland Albrecht zieht den Korken auch für zwei Gläser. Was macht er mit dem Rest? Der Chef blitzschnell: "Glauben Sie etwa, ich hätte keinen Durst?" Das war natürlich zu Zeiten des Palastes der Republik ganz anders. Seit dessen Eröffnung 1976 arbeitete der heutige Dolgensee-Chef dort als Restaurantleiter. Zuletzt war er Chef über alle drei "gastronomischen Einrichtungen" mit insgesamt 650 Plätzen. Heute tanzt Albrecht wieder auf mehreren Hochzeiten. Ihm gehört der "Zander" am Berliner Kollwitzplatz.

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