Berlin : Tisch und Theke: Waage ohne Korn und Mehl

Claus-Dieter Steyer

Er soll wieder zu einem der schönsten Plätze Potsdams werden: der Neue Markt. Jahrelang lag er verwahrlost im Schatten des Marstalls, der heute das Filmmuseum beherbergt. Touristenbusse machten um den am Ende des 17. Jahrhunderts angelegten Platz wegen der heruntergekommenen Fassaden und hässlichen Baulücken einen weiten Bogen. Seit einiger Zeit sieht es hier schon anders aus. Das Moses Mendelssohn Zentrum und das Einstein Forum beleben bereits das Karree. Im nächsten Jahr soll der Kutschpferdestall wieder im alten Glanz erstrahlen, wenn hier eine große Preußen-Ausstellung eröffnet wird. Mitten auf dem Markt lädt das Restaurant in der Historischen Ratswaage zum Besuch ein.

Hier erinnern drinnen und draußen mehrere Utensilien an den ursprünglichen Zweck des Gebäudes. Seit 1874 beherbergte es die städtische Ratswaage für Korn- und Mehlladungen. Noch bis in die achtziger Jahre hinein fuhren Lastwagen vor, wie alte Quittungen und Wiegezettel an der Theke beweisen. Vormals stand an der Stelle des heutigen Restaurants ein kleines Fachwerkhaus mit der königlichen Waage.

Rund 50 Gäste finden heute hier Platz, wobei in einem separat abzutrennenden Raum 25 Personen bedient werden können. Die Atmosphäre ist allein schon wegen der historischen Gemäuer recht angenehm, wenn auch das Personal bei unserem Besuch offensichtlich nicht den besten Tag erwischt hatte. Tempo und Kenntnisse über die im Angebot befindlichen Weine gehörten nicht zu seinen Stärken.

Möglicherweise hatte die gerade fertig gestellte neue Speisekarte alle Aufmerksamkeit beansprucht. Denn diese wechselt, so berichtet die Kellnerin, oft in unregelmäßigen Abständen. Je nachdem, was die Saison auf den Märkten gerade hergebe, würden die Gerichte zusammengestellt. Vegetarische Speisen stehen auf der Karte der "Waage" einmal nicht ganz hinten, sondern führen sogar die Auswahl an: Ragout von Herbstgemüse in Rahmsauce mit Kartoffel-Kräuter-Pürree für 18 Mark. Fleischliebhaber können unter anderem zwischen Kalbsrücken mit frischen Trompetenpilzen und Polenta (34 Mark) und Perlhuhnbrust in Honig-Balsamico-Sauce mit jungem Lauch und Kartoffelkrapfen (29 Mark) wählen. Von der Fischkarte empfiehlt sich Welsfilet mit Meerrettichkruste an Gemüsevariation in Weinteig gebacken und Wildreis für 31 Mark. Die Käsevariation von der Bioland-Käserei "Anderlbauer" steht zwar unter der Dessert-Rubrik. Doch sie fällt für 15 Mark so üppig aus, dass sie auch ordentlich sättigt.

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