Berlin : Tobias Buddensieg

Höre nie auf, es hört von selbst auf.

Erik Steffen

Als Tobias wieder in Kreuzberg aufschlägt, liegt eine Odyssee hinter ihm. Durch Berlin, durch Lebenssituationen, die nicht immer angenehm waren. Er bringt Fotos mit. Und einen Willen: Alles wird anders. Nun ist er wieder da, wo es begann, Anfang der Achtziger. Er ist nicht mehr der Professorensohn „Herr Buddelsieg“. Sondern nach Einbruch der Nüchternheit ein Mensch, der mit Anfang 50 einen Neuanfang riskiert im Ex-Hausbesetzer-Milieu, das für ihn Segen und Fluch zugleich war.

Vier Jahre später ist alles vorbei. Sein Laden, das „Büro für innere und äußere Angelegenheiten“, sieht aus, als wäre er nur kurz fort. Aber das Licht ist aus. Sein Haus trägt Trauerflor, der irgendwann verweht.

Tobias ist in Hamburg geboren, wo sein Vater Kunstgeschichte, die Mutter Kunst studieren. Sie wollen ihre Leidenschaft zum Beruf machen. Engagiert und bildungsorientiert, kritisch gegenüber dem Muff und der Erstarrung im Adenauer-Deutschland. Als der Vater ein Stipendium für Rom bekommt, zieht die ganze Familie, zu fünft inzwischen, dorthin. Eine wunderbare Zeit, die ein abruptes Ende findet. Die jüngste Tochter stirbt mit zwei Jahren an einer Bronchitis. Die Familie verlässt unter Schock das Land und zieht nach Berlin. Tobias und seine jüngere Schwester Sedina wird diese Erfahrung zusammenschweißen.

Der Vater arbeitet weiter an seiner Karriere, die Mutter an der Organisation der Familie. In Zehlendorf wohnen sie, in einer 200 Quadratmeter großen Villenetage mit einem Garten, in dem Rucola und Kräuter angebaut werden, eine Erinnerung an Italien. Es sind die frühen Sechziger, nach Kubakrise und Mauerbau sind solche Immobilien in der Inselstadt spottbillig. Die Wohnung wird für viele Jahre zum gastfreundlichen Treffpunkt für politische und künstlerische Avantgardisten.

Der Vater tritt eine Gastdozentenstelle in Boston an, die Familie folgt erneut. Dann wieder Berlin. Anders als seine Schwester Sedina fasst der introvertierte, schüchterne Tobias nicht Fuß im deutschen Schulsystem, bleibt sitzen. Für seine Eltern ein Schock; Versagen kennen sie nicht. Die Jahre auf dem elitären humanistischen Gymnasium in Wilmersdorf werden zur bleiernen Zeit. Ein Lichtblick San Francisco Anfang der Siebziger: Wieder ein Karrieresprung des Vaters. Flower-Power, Musik, Offenheit, Freiheit. Als die Familie nach Berlin zurückkehrt, werden die Kinder in ihren bunten Klamotten von den Mitschülern ausgelacht. Deutschland ist noch nicht so weit, trotz der 68er, mit denen die Eltern sympathisieren. Tobias schwänzt die Schule, wird sein Abitur erst auf einer Privatschule schaffen. Er beginnt zu studieren, Physik, Lebensmitteltechnologie, Kommunikationsgestaltung – eine sinnlose Suche nach Identität im Schatten des berühmten Vaters. Aus allem Stückwerk zieht er Wissen und Kenntnisse, die sein späteres Wirken als Fotograf, Koch und Hausbesetzer bereichern und bestimmen werden.

Ende der Siebziger engagieren sich seine Schwester Sedina und er in der Berliner Bewegung, die leer stehende Fabriketagen und Altbauten vor der Abrissbirne schützen will. 1981 besetzen sie mit Gleichgesinnten eine alte Fabrik und mehrere Wohnhäuser direkt am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg. Tobias, den jetzt alle nur Tobi nennen, hat eine Aufgabe. Hier bringt jeder ein, was er kann. Wohnen, arbeiten, leben – alles für die Sache, alles gemeinsam. Die Universität ist endgültig Geschichte. Er engagiert sich in der Öffentlichkeitsarbeit, fotografiert und kocht für mehr als 50 Menschen. Sein Essen wird gerühmt: aus wenigen Zutaten zaubert der Professorensohn grandiose Geschmackserlebnisse.

Der Haus-Komplex wird ein Zentrum der West-Berliner Besetzerszene. Hier werden Baumaterialien für alle Häuser gesammelt und verteilt, ebenso wie die Solidaritätsspenden aus dem gesamten Bundesgebiet. Tobi organisiert einen Telefonanschluss in einem Bauwagen, koordiniert die Materialsammlung aus Abrisshäusern. Er hat einen Blick für Dinge und ihre Verwertbarkeit, macht aus Waschmaschinenbullaugen Salatschüsseln, zapft irgendwo Strom ab und verschönert den Block mit Lichterketten zu einer surrealen Traumlandschaft. Kein Spinner, ein Macher, der seine Visionen umsetzt und andere mitreißen kann.

Geld wird auch verdient. Als Fahrer, als Koch, auf dem Bau, beim Film oder als Fotograf für die Internationale Bauausstellung. Mal mehr, mal weniger. Was er aber eigentlich erreichen will, ist ihm noch nicht bewusst.

1983 wird sein Haus-Komplex legalisiert, und es beginnen die größeren Sanierungsarbeiten. Kurz darauf die Gründung der Luisenstädtischen Genossenschaft, Tobias mittendrin: Hausbesetzer sind nun Hausbesitzer. Aber komfortabel ist ihr Leben nicht. Sie wohnen auf einer Großbaustelle. Tobias teilt sich ein kleines Zimmer mit einem Freund. Bis alles schöner wird.

Tobias will sich überall einklinken, ein optimistischer Alleskönner mit Tendenz zur Verzettelung. Er fotografiert, gestaltet für befreundete Künstler Einladungskarten, gibt Rat, packt an. Raucht und trinkt zu viel. Wie viele hier. Und klappt erschöpft irgendwann zusammen.

Kurz vor Mauerfall beginnt er mit einer Camera obscura, auch Lochkamera genannt, zu experimentieren. Er baut einen Möbel-Lkw um, hintendrin ein millimetergroßes Loch als Blende. Der ganze Laster-Aufbau ist die Kamera und bietet auch noch Zuschauern Platz. Es entstehen großformatige meterlange Unikate vom Schiffshebewerk Niederfinow, Brücken, Landschaften und Industriebrachen. Poetische Neuansichten von Bekanntem, ein Zauber, eine Aura. Ob Blütenkelche, Präparate aus dem Naturkundemuseum, Menschen, Räume oder die Regalsysteme der Gebrüder Grimm – seine Fotos haben eine unverwechselbare Signatur.

Aber Anerkennung und Erfolg bedeutet das noch lange nicht. In seine Gesichtszüge graben sich Trauer und Frust ein. Die Abstürze häufen sich. Seine Freundin Cloé und er bekommen Probleme in der Hausgemeinschaft, Mitte der Neunziger steigen sie aus. In Berlin-Mitte versuchen sie einen Neubeginn. Und scheitern. Tobias verliert den Halt, vereinsamt, nomadisiert durch Berlin. Wechselnde, billige Wohnungen, das Badezimmer als Dunkelkammer.

Als er im Naturkundemuseum eine Anstellung als Fotograf erhält, stabilisiert er sich etwas, aber glücklich wird er nicht. Es entstehen die Fotoarbeiten, die ihn später bekannt machen. Ausgestopften Tieren haucht er Leben ein, uralte Präparate wirken völlig neu.

2006 ein neuer, letzter Anfang. Wieder in Kreuzberg, jetzt aber ohne Nikotin und Alkohol. Er lernt Claudia kennen, seine letzte große Liebe.

Ein Jahr später erhält er die Diagnose Kehlkopfkrebs. Entfernung oder Chemotherapie und Bestrahlung. Tobias will sprechen können, sich mitteilen, begeistern. Ohne Kehlkopf? Undenkbar. Was folgt, ist ein Auf und Ab, Hoffnung und Verzweiflung, Erfolg und Enttäuschung. Er trägt ein Halstuch, um die bestrahlte und verbrannte Haut zu verdecken. Er arbeitet wie besessen. Ohne Gewissheit, ohne Plan für Morgen. Sein Leben steht unter dem Motto „Höre nie auf, es hört von selbst auf!“

Wenn er aus dem Krankenhaus kommt, feiert er Wiederaufstehungspartys mit den Freunden. Hoffnungszeichen. Nüchtern. Er räumt auf. Eine Fotoausstellung im Museum für Verkehr und Technik, „nah am wasser“, und „Spanische Blumen“, eine Fototapete mit Blütenmotiven für ein Hotel sind Projekte, die er noch vorbereiten kann. Nun kommt auch der Erfolg, eine späte Ernte. Die Volkswagen-Stiftung stellt aus seinen Arbeiten fürs Naturkundemuseum eine opulente Bildermappe zusammen. „Evolution“ ist der Titel, das Zauberwort im Darwin-Jahr 2009. Das passt zu seinem Lebensweg. Eine seiner Foto-Arbeiten wird zum Briefmarkenmotiv.

Der Verleihungszeremonie bleibt er fern; er ist gezeichnet vom Kampf ums Leben. Seine letzte Hoffnung: die Hochzeit mit Claudia. Eine Schiffshochzeit, ein Ja auf dem Wasser, das bleibt.

Aber ihnen bleibt kein halbes Jahr. Er will in seinem Atelier sterben. Im Haus, wo vor fast drei Jahrzehnten alles anfing. Seine Mutter, seine Frau, Sedina und Laura, seine Schwestern und Käthe, eine alte Freundin begleiten ihn dort über die zwei letzten Tage.

Der berühmte Vater fehlt. Vor den Vätern sterben die Söhne, das trifft den alten Mann schwer. Danach verabschiedet sich die Hausgemeinschaft vom Toten. Der Letzte macht das Licht aus. Erik Steffen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben