Berlin : Tod im toten Winkel

Neunjähriger Junge auf dem Radweg von abbiegendem Lastwagen überrollt. Auch 60-jähriger Radfahrer kam in Tempelhof ums Leben

Jörn Hasselmann

Um 9.20 Uhr trug ein Polizist das völlig demolierte Kinderrad und einen rechten Turnschuh von Straße. Eine Stunde zuvor, um 8.15 Uhr, war auf der Kreuzung Bismarckstraße Ecke Kaiser-Friedrich-Straße in Charlottenburg ein neunjähriger Junge gestorben. Auf dem Weg zur Schule getötet von einem weißen Kühlsattelzug mit bunter Burger-King-Werbung. Der Fahrer wollte nach rechts abbiegen und hatte den Jungen auf der Radspur nicht gesehen. Die 43-jährige Mutter des Kindes war direkt vor ihrem Sohn in Richtung Ernst-Reuter-Platz gefahren. Sie wollte ihn zur Schule begleiten.

Ein grausiger Unfall, eine klassische Situation dazu. Denn rechts abbiegende Lastwagen stellen für Radler die größte Gefahr dar. Lastwagenfahrer sehen beim Abbiegen im Rückspiegel nicht genügend – schuld ist der „tote Winkel“. Ein zusätzlicher rechter Außenspiegel könnte diesen Nachteil beseitigen. Der Radfahrverband ADFC fordert den Spiegel seit langem als Pflichtzubehör. Innerhalb der EU ist er erst ab 2006 vorgeschrieben (siehe Kasten). Am Montag hatte der Tagesspiegel über die Gefahr berichtet und eine Initiative der Fuhrgewerbe-Innung und der Schulen vorgestellt.

Der Unfall-Lastwagen von der Kreuzung Bismarckstraße mit dem Kennzeichen „LOS“ für Oder-Spree hatte nur drei Spiegel. Er erfasste das neunjährige Kind direkt auf der Fahrbahn. Der Junge erlitt schwerste Kopfverletzungen und war sofort tot. Warum der 39 Jahre alte Fahrer, der einen Schock erlitt, das Kind nicht gesehen hat, muss jetzt die Polizei ermitteln. Unklar ist, ob der Lkw noch gebremst hatte, um die Mutter vorbeizulassen „oder ob der Mann in voller Fahrt abgebogen ist“, wie es im Polizeibericht heißt. Die Polizei sucht nun dringend Zeugen (Telefon 4664-51230).

Die Bismarckstraße ist eine der am stärksten befahrenen Routen in Berlin. Sie ist zugleich Bundesstraße. „Und sie ist gefährlich, weil bis in die Kreuzungen hinein geparkt wird“, sagt Benno Koch vom ADFC Berlin. Auf dem Radweg werde man leicht übersehen. Der Junge wollte mit seiner Mutter entlang der Bismarckstraße geradeaus über die Fußgängerfurt fahren, er hatte ebenso grünes Ampellicht wie der abbiegende Laster. Eine Verkehrsregelung, die für Radler immer wieder tödliche Folgen hat.

Generell hält die Polizei den Innenstadtverkehr für zu gefährlich für Kinder unter zehn Jahren. Denn Kinder bis sechs Jahre hätten ein deutlich kleineres Blickfeld als Erwachsene, sie könnten Gefahren und Geschwindigkeiten schlechter oder noch gar nicht einschätzen und zudem die Quelle von Geräuschen nicht orten. „Erst mit zehn Jahren sind Kinder reif für den Großstadtverkehr“, sagt Oliver Hartwich von der Verkehrspolizei. Deshalb beginne die Polizei mit der Radfahrausbildung an Schulen auch erst in der vierten Klasse.

Viele Eltern sind anderer Meinung. „Wie sollen denn Kinder mit zehn, zwölf Jahren den Großstadtverkehr beherrschen, wenn sie vorher unter Verschluss gehalten werden?“, schrieb eine Leserin spontan auf den Tagesspiegel-Beitrag vom Montag. „Völliger Unsinn“, meint auch der Vorsitzende des ADFC und Berliner Fahrradbeauftragte Benno Koch zu dieser Altersgrenze. Im Vorjahr wurden zwei Jungen von sieben und acht Jahren in Unfällen mit Lastern getötet.

Einen wichtigen Tipp gibt Oliver Hartwich von der Verkehrspolizei: Vater oder Mutter sollten auf alle Fälle hinter ihrem Kind radeln, um es ständig im Blick zu haben.

Bei einem zweiten Unfall wurde am Nachmittag gegen 13.30 Uhr ein 59 Jahre alter Mann in Tempelhof in der Teilestraße von einem ebenfalls rechts abbiegenden Lastwagen überrollt und getötet.

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