Berlin : Todessturz eines Kindes aus Abgeordnetenwohnung - Sicherheitsvorschriften erfüllt

Suzan Gülfirat

Beim Blick aus dem Fenster der Apartments an der Rückseite der "Wohnschlange" in der Joachim-Karnatz-Allee auf dem Moabiter Werder schauen die Mieter auf einen Spielplatz. Aus einem dieser Fenster im vierten Stock war am Donnerstag der 15 Monate alte Sohn des Bundestags-Abgeordneten René Röspel gefallen. Die nur knapp siebzig Zentimeter hohe Fensterbrüstung in der Ein-Zimmer-Wohnung war für das Kleinkind kein Hindernis. Der Junge kletterte auf die nur 45 cm hohe Heizung, hangelte sich zum Fenster hoch und stürzte ab. Die Mutter hatte das Fenster am Morgen gegen 9 Uhr 15 zum Lüften geöffnet und war kurz in die Küche gegangen. In dieser Zeit verwirklichte sich der Albtraum aller Eltern.

Nach Gerüchten über mögliche Versäumnisse bei der Sicherheitsüberprüfung der Apartments lud die verantwortliche Wohnungsbaugesellschaft gestern die Berliner Presse zum Vor-Ort-Termin in die Moabiter "Schlange". "Die baurechtlichen Sicherheitsvorschriften wurden alle erfüllt", erklärte der Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft "Deutschbau", Thomas Jacobs, in einer anderen Wohnung, die nach seiner Angabe vergleichbar sei. In der Tat erreicht die Brüstung dieser Wohnung durch eine zusätzlich angebrachte Eisenstange die in der Berliner Bauordnung vorgeschriebene Mindesthöhe. Sie schreibt vor, dass "Fensterbrüstungen bis zum fünften Vollgeschoss mindestens 80 cm, über dem fünften Vollgeschoss mindestens 90 cm hoch sein müssen". Geringegere Brüstungen sind zulässig, "wenn durch andere Vorrichtungen, wie Geländer", die Mindesthöhe eingehalten wird. Deshalb seien die Wohnungen ohne Beanstandung durch das Tiergartener Bauamt abgenommen worden.

Der Baustadtrat von Tiergarten Horst Porath (SPD) bestätigte gestern diese Angaben. "Wir haben nach dem Vorfall alles noch einmal überprüft. Es gibt nichts zu beanstanden", erklärte er. Menschen mit Höhenangst bekommen beim Blick aus dem Fenster dennoch ein mulmiges Gefühl. Ein Erwachsener muss nicht einmal auf die Heizung steigen, um über die Brüstung klettern zu können. Bei der Beurteilung "zu niedrig" widerspricht er. "80 cm ist eine normale Höhe. Subjektive Empfindungen kann man man nicht in Bauordnungen einfügen", sagt er. Die Höhe der Brüstung seien Erfahrungswerte, die die Senatsbauverwaltung festgelegt habe.

Der SPD-Abgeordnete war erst kürzlich in die "Wohnschlange" in Moabit eingezogen, die für Abgeordnete und Bundesbedienstete geplant worden war. Auf die Frage, ob die Brüstungen der Wohnungen - beispielsweise durch die Installation einer zweiten Eisenstange - noch weiter erhöht werden, wollte Thomas Jacobs zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht antworten. "Wir machen uns immer Gedanken über die Sicherheit in den Wohnungen", sagte er nur. Auch seien die Wohnungen vor dem Sturz einer umfassenden gutachterlichen Prüfung unterzogen worden. Das Baustadtrat Porath bestätige das gestern.

Die niedrigen Fenster sind in Berlin nicht unüblich. Die Wohnungen werden von Licht durchflutet. Für die Familie Röspel wurde diese Architektur zum Verhängnis. In der Küche, wo die Brüstung sehr hoch liegt, hätte der Kleine einen Stuhl gebraucht, um das Fenster zu erreichen.

Ein sehr niedrig angebrachtes Fenster wurde im Juni des vergangenen Jahres auch zwei Jungen im Alter von zehn und zwei Jahren in Tiergarten zum Verhängnis. Der Junge, der seinen kleinen Bruder auf dem Arm trug, war auf dem Treppenabsatz zwischen dem ersten Stockwerk und dem Erdgeschoss ins Wanken gekommen und durch die Scheibe nach draußen gestürzt.

In diesem Jahr fielen ebenfalls zwei andere Kinder aus dem Fenster. In Wedding überlebte ein eineinhalbjähriger Junge im Juli den Sturz aus dem vierten Stock. Zuletzt fiel ein vierjähriges Mädchen in Kreuzberg aus dem Fenster. Auch sie überlebte schwerverletzt. "Auch bei höheren Brüstungen kann sich solch ein Unglück ereignen. Man muss eben auf die Kinder aufpassen", meinte Porath.

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