Berlin : Todessturz von der Fassade

Der Mann wollte in den 5. Stock. Er war betrunken und hatte die Wohnungsschlüssel verloren. Da kletterte er außen hoch

Tanja Buntrock

Sie kann einfach nicht mehr hinabschauen, hinab in die Tiefe vom Balkon im 5. Stock. Der Blick auf den Betonboden vor dem Marzahner Hochhaus in der Havemannstraße lässt Tatjana A. schaudern. Was sie in der Nacht zum Montag von oben gesehen hat, geht ihr nicht mehr aus dem Sinn: Blutüberströmt lag ihr Nachbar Eduard G. auf dem Pflaster vor dem Hauseingang. Der 26-Jährige hatte versucht, die Außenfassade hochzuklettern, um in die eigene Wohnung im 5. Stock zu gelangen – weil er seine Schlüssel verloren hatte. Der Mann kam fast bis zum vierten Stock. Dann stürzte er in die Tiefe. Ein Notarzt versuchte ihn zu reanimieren. Vergebens. Eduard G. starb noch am Unfallort.

Seine 22-jährige Freundin Natalia O., mit der er zusammen wohnte, musste von unten alles mit ansehen. Sie hatte während seiner leichtsinnigen Kletteraktion unten am Hauseingang auf ihn gewartet. Mit einem schweren Schock wurde die Freundin später ins Unfallkrankenhaus Marzahn eingeliefert, sagte gestern eine Polizeisprecherin.

Ursprünglich wollte Eduard G. vom Balkon seiner Nachbarin Tatjana A. in die eigene Wohnung klettern. „Unsere Balkone grenzen direkt aneinander. Aber das habe ich nicht zugelassen. Es war zu gefährlich“, erzählt Tatjana A. Gegen kurz nach zwei habe das Nachbar-Paar sie aus dem Bett geklingelt. „Die waren beide total betrunken. Sie konnten kaum stehen, als sie mich darum baten, von meinem Balkon aus hinüber zu klettern.“ Nach der Abfuhr seien die beiden ausgerastet. „Die haben meinen Türrahmen vor Wut mit einem Feuerzeug angekokelt und mit einem Messer an der Tür gekratzt“, sagt Tatjana A. und deutet auf die Spuren am Rahmen und der Wohnungstür. „Konnte ich ahnen, dass er versucht vom Erdgeschoss bis in die Wohnung zu klettern?“

Mit ihren ukrainischen Nachbarn hatte Tatjana A., die vor über einem Jahr mit ihren beiden Töchtern aus Kasachstan nach Berlin gekommen war, häufig Ärger. „Die haben nachts geklingelt, wenn sie betrunken oder auf Droge waren. Laut war es auch nebenan, wenn es wieder Streit gab.“

Tatjana A. ist immer noch schockiert vom Unfall – und gleichzeitig froh: „Ich wäre im Leben nicht mehr glücklich geworden, wenn er von meinem Balkon hinübergeklettert und dann gestürzt wäre.“ Erst vor einigen Tagen, am 13. Juni, war eine 18-Jährige nach einem Streit mit ihrem Freund aus dem 9. Stock eines Hochhauses in der Märkischen Allee in Marzahn gestürzt. Sie starb kurz darauf im Krankenhaus. Den anfänglichen Verdacht, der Freund hätte die Frau vom Balkon gestoßen, konnte die Polizei nicht erhärten. Sie ließ den Mann wieder frei. Noch immer dauern die Ermittlungen in diesem Fall an, hieß es gestern bei der Polizei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben