Berlin : Tödlich entschlossen

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Selbst als der Krieg schon verloren war und Berlin im Schutt versank, hielten die Nationalsozialisten bis zum Schluss an ihrer wahnsinnigen Ideologie fest, die über sechs Millionen Juden das Leben kostete. Auf den Tag genau vor 65 Jahren, wenige Wochen vor Kriegsende, fuhr der letzte Deportationszug vom Anhalter Bahnhof mit 42 Gefangenen ab. Mit den Transporten versuchten die Nazi-Täter in den letzten Kriegstagen ihre eigene Haut zu retten.

Heute erinnert eine Aluminium-Stele an der Ruine des Anhalter Bahnhofs an die Verbrechen von damals. 116 Züge fuhren von hier aus ins Konzentrationslager Theresienstadt. Viele Juden starben bereits in den ersten Monaten nach ihrer Ankunft, andere wurden später in das Vernichtungslager nach Auschwitz weiter transportiert.

Alfred Gottwaldt hat diese Gedenkstele gestaltet. Er ist Leiter der Abteilung Schienenverkehr im Deutschen Technikmuseum und Verfasser einer Chronologie der Judendeportationen bis 1945. „Im Prinzip war die Deportation der Juden im Juni 1943 bereits weitgehend abgeschlossen“, erklärt Gottwaldt. Spätestens aber, als Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, im Herbst 1944 angesichts der absehbaren Niederlage der Deutschen die Gaskammern in Auschwitz sprengen ließ, habe sich auch für das Reichssicherheitshauptamt unter der Leitung von Adolf Eichmann die Frage gestellt, ob man überhaupt weiter deportieren soll.

Gottwaldt hat eine Erklärung dafür, dass die Deportationen fortgesetzt wurden: „Eichmann suchte händeringend nach Aufgaben in Berlin, um nicht doch noch an die Front zu müssen.“ Er ordnete deshalb den Abtransport von Juden an, die bisher als „geschützt“ galten. Etwa Partner aus sogenannten Mischehen.

So kommt es auch, dass am 27. März 1945 letztmalig Juden mit Lkws zur Sammelstelle am Anhalter Bahnhof transportiert werden. Um 6.07 Uhr fährt der Zug ab. Kein Sonderzug. Es ist der normale Personenzug Richtung Dresden, an den zusätzliche Waggons angehängt wurden. Von den anderen Fahrgästen unterscheiden sich die Juden, die hier befürchten müssen, in den Tod zu fahren, nur durch den gelben Judenstern und die begleitenden Wachmänner.

„Zu dieser Zeit wusste jeder in Deutschland, was passiert“, sagt Gottwaldt. Die Gestapo habe deswegen versucht, die Juden zu beruhigen und sogar Bescheide ausgestellt, die besagten, es handle sich „nicht um eine der üblichen Evakuierungen“, dass für sie keine Todesgefahr bestehe. Eine zynische Untertreibung, denn auch wenn Juden zu diesem Zeitpunkt nicht mehr systematisch ermordet wurden, war die Hygiene- und Ernährungslage in Theresienstadt katastrophal. Von denjenigen, die der Hölle von Auschwitz entkommen waren, starben hier viele in den letzten Kriegstagen an Typhus.

Die 42 Insassen des letzten Zuges überlebten. Sie wurden so kurz vor Kriegsende deportiert, dass die Alliierten sie rechtzeitig retten konnten. Die Namen der 55 696 ermordeten Berliner Juden werden am 12. April, dem 67. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto, ab 20 Uhr vor dem Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße verlesen. Sidney Gennies

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