Berlin : Tödliche Dosis auf der Intensivstation

Staatsanwaltschaft wirft 54-jähriger Charité-Krankenschwester zweifachen Mord vor – und ermittelt, ob es noch weitere Opfer gibt

Ingo Bach

Sie sollte schwer kranke Menschen pflegen und ihr Leben erhalten. Doch nun wird eine Krankenschwester der Charité verdächtigt, mindestens zwei Patienten auf der Intensivstation der Klinik für Kardiologie in Mitte getötet zu haben. Möglicherweise gibt es noch weitere Opfer.

Er sei am Mittwoch von Mitarbeitern der Station darüber informiert worden, dass Patienten „nach untypischem Krankheitsverlauf“ gestorben seien, sagte der Direktor der Klinik, Gert Baumann, gestern auf einer Pressekonferenz. Daraufhin habe er sofort die Polizei eingeschaltet, die die 54-jährige Krankenschwester noch am Mittwochabend festnahm. Am Donnerstag erließ ein Richter Haftbefehl wegen zweifachen Mordes. Die Schwester habe zugegeben, zwei Patienten eine Überdosis Medikamente verabreicht zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Das Motiv sei noch unklar.

Eines der mutmaßlichen Opfer, ein 77-jähriger Mann, war am 16. August gestorben. Eine Obduktion sei nicht mehr möglich gewesen, weil der Tote feuerbestattet wurde, sagte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Michael Grunwald. Für einen 62-jährigen Patienten, der Anfang Oktober gestorben war, wurde dagegen eine Obduktion angeordnet. Die gerichtsmedizinische Untersuchung der Leiche eines dritten Patienten, der ebenfalls während einer Schicht der Beschuldigten gestorben war, sei noch nicht abgeschlossen. Deshalb könne man nicht sagen, ob dieser Patient auch durch eine Überdosis Arzneien zu Tode kam.

Die betroffenen Patienten hätten unter einer weit fortgeschrittenen Herzschwäche gelitten, sagt Klinikchef Baumann. Wegen der aussichtslosen Prognose habe man beschlossen, bei ihnen keine Therapie-Intensivierung mehr vorzunehmen. Sie seien mit Beruhigungs- und Schmerzmitteln im Dämmerzustand gehalten worden. „Wahrscheinlich wären sie binnen zwei Wochen gestorben.“ Unter Schmerzen hätten beide Patienten nicht gelitten.

Der Tod sei dann untypisch schnell eingetreten. Die Beschuldigte habe den Opfern ein hoch wirksames Medikament zu Gefäßerweiterung in einer tödlichen Dosis verabreicht, sagt Baumann. Dadurch seien die Kranken eingeschlafen und gestorben. Das Medikament namens Nipruss werde in der Kardiologie oft verwendet. „Da gelten weniger scharfe Sicherheitsregeln als bei Betäubungsmitteln.“

Die Schwester sei seit zehn Jahren in der Klinik, sagt Baumann. „Ich habe sie sehr geschätzt und glaubte meine Patienten bei ihr in guten Händen.“ Die Taten könne er sich nicht erklären. Man werde nun alle Todesfälle auf der Station der letzten zehn Jahre noch einmal überprüfen. Zahlen konnte Baumann zunächst nur für die Zeitraum ab Juni 2004 nennen. In dieser Zeit seien auf der Station rund 2050 Patienten behandelt worden, von denen 134 in der Klinik verstarben – allerdings nur ein Bruchteil davon in der Arbeitszeit der Beschuldigten.

Die Charité hat ein Info-Telefon eingerichtet. Besorgte Patienten und Angehörige können sich unter 450 550 500 melden (werktags von 8 bis 18 Uhr).

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