Berlin : Tödliche Messerstiche am Badesee

Gestern begann Mordprozess gegen 17-Jährigen. Er soll am Tegeler See einen 23-Jährigen erstochen haben

Kerstin Gehrke

Ein Streit um den Müll an einer Badestelle – mehr war es nicht. Doch auf die Aufforderung, ihren Unrat wegzuräumen, reagierten die angesprochenen Jugendlichen gereizt. Am Ende zog ein 17-Jähriger ein Messer und erstach einen 23-Jährigen. Seit gestern beschäftigt der Fall eine Jugendstrafkammer des Landgerichts.

Vier Jugendliche im Alter zwischen 17 und 19 Jahren sitzen ein halbes Jahr nach dem tödlichen Streit vor Gericht. Erol A. ist der Hauptangeklagte. Er muss sich wegen Mordes verantworten, seine Freunde Ugur, Evrim und Marius wegen gefährlicher Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei. Erol A. werde sich in der Verhandlung äußern, kündigte sein Verteidiger an. Er werde erklären, „dass er nicht weiß, was ihn getrieben hat“.

Der folgenschwere Streit begann mit einer harmlosen Bemerkung. „Heb mal die Folie auf“, soll ein 45-jähriger Badegast einen der Angeklagten aufgefordert haben. Evrim T. hatte gerade einen Döner gegessen. „Das Papier hatte ich auf der Bank vergessen“, meinte er nun im Prozess. „Ich habe mich gewundert, warum der Mann das nicht netter gesagt hat.“ Etwas später soll der 45-Jährige, der sich mit Frau und Kind am Wasser erholen wollte, auch Ugur A. wegen eines Müllhaufens angesprochen haben.

„Wir haben uns dann gegenseitig beleidigt“, meinte der 18-jährige Ugur. Es sei zu einem Gerangel gekommen. Den Ermittlungen zufolge schlugen alle vier Angeklagten auf den Mann ein. In der Schilderung von Ugur A. aber hörte es sich an, als wären sie trotz deutlicher Übermacht verschreckt gewesen. In „Panik und Hektik“ habe er einen Knüppel gegriffen und ein- oder zweimal zugeschlagen, behauptete der 18-Jährige. Der 45-Jährige erlitt dadurch Prellungen und Schürfwunden.

Das spätere Opfer, Darius E., war an jenem späten Nachmittag im Juni mit ein paar Freunden an der Badestelle „Im Saatwinkel“. Er sprang auf und wollte dem in Bedrängnis geratenen Badegast helfen. Er rang mit einem der vier Angeklagten, als Erol A. laut Anklage mit einem Klappspringmesser zustieß – von hinten und mit voller Wucht. Der Stich traf die Lunge des Opfers. „Ich hab’ da einen abgestochen“, soll Erol A. gerufen haben. Darius E. starb wenig später trotz einer Notoperation.

Für Erol A. war es nicht der erste Angriff mit einem Messer. Nur zwei Monate vor der Bluttat am Badesee war er zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt worden. Damals hatte er auch ein Antiaggressionstraining absolviert. „Wahrscheinlich hätte die Vortat härter geahndet werden müssen“, erklärte der Verteidiger am Rande des jetzigen Prozesses. Doch durch das Glück, sanft angefasst zu werden, habe er Wichtiges einfach nicht gelernt. Der Prozess wird am 20. Dezember fortgesetzt.

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