Berlin : Tödliche Stiche im Wahn

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Wieder hörte sie diese inneren Stimmen. „Sie befahlen mir, das Messer in seine Brust zu stechen“, gestand Melanie J. gestern im Mordprozess vor dem Landgericht. Die 40-jährige Britin brachte vor vier Monaten einen Bekannten um, der ihr Obdach gewährt hatte. Damals hielt sie sich zum dritten Mal in Berlin auf. Bereits im Frühjahr 2004 hatte sie unter anderem im Hilton Hotel am Gendarmenmarkt mit einer Bombe gedroht. Die Berliner Justiz ließ die psychisch kranke Frau etwa ein halbes Jahr nach dem blinden Alarm unter strengen Auflagen in ihre Heimat reisen. Dort lagen zwar alle Unterlagen vor, doch keine Behörde fühlte sich zuständig.

„Ich habe zu Hause versucht, Hilfe zu bekommen“, sagte die gelernte Verkäuferin. Nach monatelangem Warten habe sie einen Termin bekommen. In einem zehnminütigen Gespräch soll der Psychiater die Diagnose der deutschen Ärzte angezweifelt und ihr ein billigeres Medikament verschrieben haben. Die neue Medizin habe sie dann abgesetzt. „Ich dachte, dass ich sie nicht nehmen muss, wenn ich gar nicht schizophren bin.“ Außerdem habe sie das Präparat nicht vertragen.

Bald darauf waren die Stimmen und die Bilder von „drei Personen ohne Haut“ wieder da. Melanie J. setzte sich wieder in einen Zug nach Berlin. In dem Prozess nach der Bombendrohung hatte das Gericht die Unterbringung in einer Klinik auf Bewährung ausgesetzt. Bedingung war, dass die Behandlung fortgesetzt wird. Doch nun stand Melanie J. wieder in Berlin und wurde von inneren Stimmen getrieben.

„Ich wollte meine Seele zurückholen“, sagte die Frau. Stimmen hätten ihr dann eingehaucht, dass Mohammad K. von ihrer verstorbenen Mutter besessen sei, die sie als Kind gequält habe. Sie fesselte den 51-Jährigen, schlug ihn mit einer Weinflasche und einem Hammer. Dann griff sie in seiner Moabiter Wohnung zum Messer. Wieder war sie schuldunfähig, urteilten die Richter. Diesmal aber wurde die Unterbringung in der Psychiatrie angeordnet. Ein „ganz großes Versagen“ der englischen Behörden sei mitursächlich für die Tat, hieß es im Urteil. K. G.

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