Berlin : Tödlicher Leichtsinn an geschlossener Schranke

JÖRN HASSELMANN

Die Bahn und Berlin streiten seit Jahren, wer an der Dresdner Bahn den Ersatz für vier Bahnübergänge bezahltVON JÖRN HASSELMANN BERLIN.Ein 20jähriger Mann ist am Montag abend auf einem Bahnübergang in Lichtenrade von einer S-Bahn erfaßt und tödlich verletzt worden.Der angetrunkene Mann hatte gegen 23 Uhr 10 mit seiner 22jährigen Begleiterin trotz geschlossener Schranken, Rotlichts und einer Warnglocke die Gleise über die Bahnhofstraße direkt am S-Bahnhof überqueren wollen.Um diesen Bahnübergang im Zuge der früheren Dresdner Bahn gibt es seit Jahren Streit: Das Land und die Bahn können sich nicht über die Kosten einer Beseitigung der Gefahrenquelle einigen. Geschehen muß jedoch etwas.Denn wenn auf der für den viergleisigen Ausbau vorgesehenen Strecke wieder Fernzüge und der Flughafen-Express nach Schönefeld rollen, würden die Schranken im Ortskern von Lichtenrade 55 Minuten pro Stunde geschlossen sein.Da von einer Unterführung auch die Stadt profitieren würde, fordert die Bahn, daß sich Berlin an den Kosten beteiligt.Dies lehnt das Land, wie berichtet, strikt ab, da es sich um einen Neubau handele.Der Ersatz der vier Übergänge an der Dresdner Bahn (Säntisstraße, Buckower Chaussee, Bahnhofstraße und Goltzstraße) durch Unterführungen würde etwa 100 Millionen Mark kosten.Schon in den 80er Jahren, als die BVG die S-Bahn betrieb, gab es Überlegungen, die Schranken durch Über- oder Unterführungen zu ersetzen.Wegen der immensen Kosten wurde darauf verzichtet. Insgesamt gibt es in Berlin 17 Kreuzungen zwischen Straßen und S- und Fernbahngleisen, weitere 20 Übergänge sind Fußgängern vorbehalten.Dazu kommt eine Vielzahl meistens unbeschrankter Übergänge an privaten Gütergleisen - alle sind potentielle Todesfallen.So starben 1996 eine 37jährige Frau und ihr 16 Monate alter Sohn, als eine S-Bahn sie auf dem Übergang Grünbergallee in Treptow erfaßte.Im selben Jahr rammte eine Rangierlok der Neukölln-Mittenwalder-Eisenbahn am unbeschrankten Übergang Baumhüttenweg in Buckow das Auto einer 53jährigen Frau.Eine Beifahrerin wurde dabei getötet.1995 starb der Lokführer eines Regionalexpresses, der mit einem auf den Gleisen in Eichwalde liegengebliebenen Lkw kollidierte. Allen diesen Beispielen ist eines gemein: Die Bahn hatte keine schuld - denn sie hat gegenüber dem Straßenverkehr immer absoluten Vorrang - das Andreaskreuz signalisiert dies.In allen Fällen war Leichtsinn oder Unachtsamkeit die Ursache - wie bundesweit in 97 Prozent aller Unfälle an Kreuzungen zwischen Bahn und Straße.Nach Angaben der Deutschen Bahn AG werden nur drei Prozent aller Unglücke durch menschliches Versagen von Bahnbediensteten oder durch Versagen der Sicherungsanlagen verursacht.102 Menschen ließen 1996 ihr Leben auf den 28 000 Übergängen. Berliner Zahlen gibt es nicht.Der Bundesgrenzschutz, der für die Sicherheit auf Bahnanlagen zuständig ist, zählte 1997 insgesamt 48 Tote im Bereich der S- und Fernbahnen.Für BGS-Sprecher Torsten Weidemann sind das "gefährliche Eingriffe in den Bahnbetrieb mit Todesfolge". Der Übergang in der Lichtenrader Bahnhofstraße ist optimal gesichert: Halbschranken mit zusätzlicher optischer und akustischer Warnung.Halbschranken gelten bei der Bahn als besonders sicher, weil sie die Flucht aus dem Gleisbereich ermöglichen - aber eben auch das illegale Überqueren der Gleise.Mit an Wahnsinn grenzendem Leichtsinn wollte das Paar sich das Warten ersparen.Obwohl der Zug wegen des nahegelegenen Bahnhofes Lichtenrade bereits von 80 auf etwa 40 Stundenkilometer abgebremst hatte, war der 20jährige aus dem Landkreis Märkisch-Oderland auf der Stelle tot, seine 22jährige Begleiterin kam mit einem Schock ins Krankenhaus. In keinem Fall gibt es derzeit in Berlin feste Pläne, Bahnübergänge zu ersetzen, im Gegenteil.Auch bei der Dresdner Bahn heißt es im Hause der Verkehrsverwaltung lediglich: "Wir prüfen." Ein neuer Kreuzungs- und Konfliktpunkt kommt übrigens hinzu, wenn die S-Bahn-Linie 25 von Tegel bis Heiligensee verlängert wird: Der Bahnübergang an der Tegeler Gorkistraße "wird eine weitere neuralgische Stelle", befürchtet S-Bahn-Sprecher Gottfried Köhler.

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