• Tödlicher Unfall wegen vereister Autoscheibe:Bewährung Schöffengericht verurteilte Bärbel D. wegen fahrlässiger Tötung. Weil sie Gas gab, ohne für klare Sicht zu sorgen

Berlin : Tödlicher Unfall wegen vereister Autoscheibe:Bewährung Schöffengericht verurteilte Bärbel D. wegen fahrlässiger Tötung. Weil sie Gas gab, ohne für klare Sicht zu sorgen

Jörn Hasselmann

„Bärbel D. hatte sich nur ein kleines Guckloch in die vereiste Scheibe gekratzt. Dann überfuhr sie eine 83-jährige Frau.“ So begann am 9. Januar der Bericht im Tagesspiegel über den ersten Verkehrstoten des Jahres 2003. Jetzt ist Bärbel D. verurteilt worden. Wegen fahrlässiger Tötung bekam sie sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung, dazu eine Geldbuße und eine lange Führerscheinsperre. Das klingt „wenig“, ist aber eine harte Strafe, sagen Verkehrsrichter.

Bärbel D. wollte am 7. Januar nur schnell nach Hause. Den Mazda hatte sie am S-Bahnhof Storkower Straße abgestellt, die Frau fährt lieber Bahn als Auto, gerade im Winter. Am Unfallabend kommt sie nur bis zur hell erleuchteten Kreuzung Möllendorffstraße/Storkower Straße. Erika L. überquert dort gerade bei grüner Fußgängerampel die Fahrbahn. Bärbel D. übersieht die 83-Jährige beim Abbiegen, erfasst sie und schleift sie acht Meter mit. Eine halbe Stunde später ist Erika L. tot.

„Panzersehschlitz“ nennt ein Beamter das kleine Guckloch, die rechte Seite der Scheibe war völlig vereist. Etwa 1000 Meter ist Bärbel D. so gefahren – und genau das machen ihr Polizei und Justiz zum Hauptvorwurf. „Sie hat gesehen, dass sie nichts sieht“, sagt Richter Ronald Stiegert – und zwar auf jedem Meter der Fahrt. Sie mag gedacht haben, die Heizung taut das schon weg, aber so schnell taute die Heizung an diesem Wintertag nicht. „Verwerflich“, hatte die Polizei schon im Januar geurteilt. Selbst wenn man in Eile ist, muss das Blickfeld frei sein, und zwar rundum. „Der Unfall wäre so leicht zu vermeiden gewesen“, heißt es bei der Verkehrspolizei der Direktion 6. Ein paar Sekunden Eiskratzen hätte ein Menschenleben retten können.

Die Anklage lautet deshalb auf fahrlässige Tötung. Dafür gibt es höhere Strafen als für das so genannte Augenblicksversagen. So nennen Juristen es, wenn man nur einen Sekundenbruchteil unaufmerksam ist und dadurch einen Unfall verursacht – und wer ist mal nicht einen Moment unaufmerksam?

Die Staatsanwältin hatte im Prozess ein Jahr auf Bewährung gefordert, das Schöffengericht verhängte ein halbes Jahr, weil sich Bärbel D. bislang nichts hatte zu Schulden kommen lassen und sie ihr Fehlverhalten eingeräumt hatte. Nicht einmal einen Punkt in der Verkehrssünderkartei hatte sie, Alkohol hatte sie nicht getrunken. „Ich glaube nicht, dass sich die Frau jemals wieder ans Steuer setzen wird“, sagte Richter Stiegert. Die Angeklagte sei „völlig fertig gewesen“.

Für einen anderen Berliner Verkehrsrichter, André Muhmood, ist der persönliche Eindruck das wichtigste Kriterium bei der Höhe der Strafe bei einem schweren Unfall: Ist der Angeklagte gezeichnet vom Erlebten? „Wer sich unbeeindruckt gibt vor Gericht, bekommt von mir eine rein“, sagt Richter Muhmood. Oder, höflicher formuliert: „Wer uninteressiert ist, dem muss ich weh tun“ – um eine Wiederholung zu verhindern.

In Paragraf 222 StGB steht es so: „Wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ An fünf Jahre Haft für eine fahrlässige Tötung im Straßenverkehr erinnern sich Berliner Richter nicht. Immerhin zwei Jahre und neun Monate Haft sitzt derzeit Rico B. ab. Der 23-Jährige hatte Anfang März 2002 drei Kumpels in den Tod gefahren: Mit Alkohol und Kokain im Blut, aber ohne Führerschein. Den hatte er wegen einer vorangegangenen Unfallflucht abgeben müssen. Mit hoher Geschwindigkeit war Rico B. – ebenfalls in der Storkower Straße – mit einem gepumpten BMW bei Blitzeis von der Straße abgekommen und an einem abgestellten Lastwagen zerschellt.

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